Workshop 16: Verführt oder verloren ¶

Was müssen barrierefreie Benutzeroberflächen leisten?

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Mobiltelefone, bei denen es mehr als 10 Schritte braucht, um einen Klingelton zu ändern, Fahrkartenautomaten, die erst kurz vor Ende der Bestellung darauf hinweisen, dass die gewählte Verbindung eigentlich gar nicht buchbar ist, oder Beschilderungen, die den Suchenden überall hin führen, nur nicht dorthin, wo er will – das Verhältnis des modernen Menschen zu seiner (technischen) Umwelt gleicht vielfach einer gescheiterten Beziehung. Hauptursache: eine Gestaltung, die sich an der Technik und nicht am Menschen orientiert. Kein Wunder, das es einer Firma wie Apple, die Produkte sehr stark aus der Nutzerperspektive gestaltet, quasi aus dem Stand gelang, mit dem iPhone einen neuen Standard für die Bedienbarkeit und Funktionalität von Mobiltelefonen zu definieren. Die vorstehenden Beispiele zeigen: Benutzeroberflächen entscheiden heute über den Erfolg oder Misserfolg von Produkten.

Das gilt selbstverständlich auch für Internetangebote. Wenn Nutzerinnen und Nutzer die gesuchten Informationen nicht finden oder die Bestellung nicht schnell und komfortabel ausführen können, ist die Konkurrenz nur einen Mausklick entfernt. Der Blick in die Zukunft geht aber deutlich über die klassischen zweidimensionalen Benutzeroberflächen hinaus. In zukünftigen Produkten auf Basis interaktiver assistiver Techniken – angefangen bei Web 2.0-Angeboten bis hin »intelligenten« Geräten – verschwindet die Technik teilweise ganz hinter der Anwendung. Die komplette Lebenswelt wird also potentiell zu einer dreidimensionalen Benutzeroberfläche. Das bedeutet auch: nur wenn diese Oberfläche intuitiv und barrierefrei nutzbar ist, werden Menschen sie auch benutzen.

Wissenschaft und Unternehmen haben die Bedeutung benutzerfreundlicher Oberflächen mittlerweile erkannt. Unter dem – nicht wirklich benutzerfreundlichen – Namen »Human Computer Interaction« oder HCI (Mensch-Computer-Interaktion) beschäftigen sich mittlerweile zahlreiche interdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsteams mit dem Thema.

Folgende Fragen konnten im Rahmen des Workshops diskutiert werden:

  • Wo wird das Internet der Zukunft überall sein und welche Benutzeroberflächen müssen wie gestaltet werden?
  • Brauchen Menschen mit Behinderungen besonders gestaltete Benutzeroberflächen oder nutzt Barrierefreiheit allen?
  • Ist die Barrierefreiheit einer Benutzeroberfläche ein Feature oder baut eine barrierefreie Umsetzung neue Hindernisse auf?
  • Wird es in Zukunft ausreichen, wie bisher nur den digitalen Content barrierefrei zugänglich zu machen, oder brauchen wir ein Verständnis von Barrierefreiheit?
  • Wie benutzerorientiert sind Richtlinien und Standards selbst, bspw. die der Web Accessibility Initative?
  • Gibt es eine Definition für Usability aus der Perspektive der Barrierefreiheit?
  • Gibt es gute Beispiele für barrierefreies Interface-Design? Was zeichnet diese Beispiele aus?
  • Ist Barrierefreiheit nicht ein integraler Bestandteil von Zugänglichkeit und Bedienbarkeit?

Moderation:

Experten & Ihre Thesen:

  • Lisa Ehrenstrasser, Assistentin am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der Technischen Universität Wien:
    1. Aufgrund der demographischen Veränderungen der Gesellschaft ergeben sich neue Herausforderungen an Prozesse von Produktenwicklungen und Umsetzung von Produktideen, denen man mit herkömmlichen Methoden und linearen Abläufen nicht gerecht werden kann.
    2. Die Bedienung von 2dimensionalen Interfaces (Monitor und Keyboard) von zu Hause am Heim-PC ist zu stark einschränkend und geht nicht auf veränderte Szenarien ein. Interfaces sind nicht nur 2dimensional zu betrachten, sondern in 3dimensionale Geräte und Produkte eingebaut, die die Interaktion des Benutzers unterstützen müssen.
    3. Vor allem für den Bereich der zukünftigen Produkte der interaktiven assistierenden Technologien im Alltag und des »ambient assistive living – AAL« – müssen sich drastisch die Prozesse und Methoden der Entwicklung und des Designs von multimedialen Geräten und dessen Content verändern.
  • Detlef Girke, D.I.A.S. GmbH – Projekt BIK
    1. Moderne Internetseiten gleichen mehr und mehr Anwender-Programmen. Für die Barrierefreiheit bedeutet dies einen Neuanfang, der sich an den Anforderungen für Programmoberflächen orientieren muss.
    2. Wir brauchen allgemein anerkannte Standards für Benutzeroberflächen, Schnittstellen und Hilfsmittel, die die Bedürfnisse Aller berücksichtigen.
    3. Die Prozesshaftigkeit des Internet schafft ständig neue Anforderungen und Herausforderungen. Universal Design muss deshalb zur Selbstverständlichkeit einer kontinuierlichen Entwicklung werden.
  • Bernd Rehling, Taubenschlag
    1. Handys und PDA-Phones erschließen Hörgeschädigten bisher ungeahnte kommunikative Möglichkeiten. Aber:
    2. Geräte, Benutzeroberflächen und Usability sind nicht für Hörgeschädigte konzipiert und für sie eher zufällig nutzbar.
    3. Es gibt noch nicht das optimale Gerät. Manche Geräte bieten sinnvolle Features, sind aber in der Bedienung zu kompliziert, andere sind kinderleicht zu bedienen, lassen aber wichtige Features vermissen. Informationen darüber sind wichtig, noch wichtiger aber die Einflussnahme einer Lobby Betroffener in Richtung der Entwicklung des »optimalen Gerätes mit der optimalen Usability«.