Workshop 10: Fragmentierung, Vielfalt, Mash-up ¶

Wie verändert das Web 2.0 die Gesellschaft?

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Seit dem der Autor und Verleger Tim O´Reilly den Begriff »Web 2.0« erstmals gebrauchte, hat er sich als Metapher für eine veränderte Qualität der Internet-Nutzung etabliert. Der Begriff umfasst neben einer ganze Reihe unterschiedlicher technischer und gestalterischer Aspekte auch soziale Veränderungen.

Zu den wesentlichen Merkmalen des Web 2.0 gehört die deutlich aktivere Rolle der Nutzerinnen und Nutzer. Statt Inhalte zu konsumieren, nutzen sie Plattformen wie YouTube oder flickr, um eigene Videos und Fotos zu veröffentlichen (User Generated Content), betreiben Weblogs oder beteiligen sich an virtuellen Communities, in denen selbst Nischenthemen ihr Publikum finden.

Es verwundert kaum, dass auch etablierte Anbieter die neuen technischen Möglichkeiten nutzen und sie in ihre Angebote einbinden. Einheitliche technische Standards und offenen Schnittstellen ermöglichen die Beteiligung der Nutzer und die problemlose Integration unterschiedlichster Dienste. Das Ergebnis ist unter anderem eine fast grenzenlose Vielfalt und Vermischung von Inhalten und Angeboten, die mindestens ebenso viele Fragen aufwirft wie sie Chancen bietet.

Setzt man beispielsweise Gesellschaft mit Staat oder Nation gleich, stellt Web 2.0 zunehmend bestehende Strukturen, Institutionen und Gefüge in Frage. Von Nutzern betriebene Angebote sorgen für eine bislang unbekannte Transparenz und können durch kritische Informationen den öffentlichen Druck auf Regierungen und mächtige Interessengruppen erhöhen.

Vor allem im persönlichen und sozialen Bereich problematisieren Experten darüber hinaus Fragen nach einer Vermischung oder Ablösung der realen durch eine – oder sogar mehrere – virtuelle Internet-Identitäten. Aus den scheinbar fast unbegrenzten Möglichkeiten des Internets erwachsen darüber hinaus eine ganze Reihe ethischer Fragestellungen bis hin zu Fragen der Chancengleichheit, die unter dem Stichwort der »Digitalen Spaltung« diskutiert werden.

Folgende Fragen konnten im Rahmen des Workshops diskutiert werden:

  • Welche Folgen hat die Spaltung der Gesellschaft in Onliner und Nonliner?
  • Welche Folgen hat es für eine Gesellschaft, wenn potentiell alles öffentlich werden kann?
  • Wer verbürgt sich für die Authentizität von Informationen, wenn der oder die Absender nicht mehr zu erkennen sind?
  • Wie entsteht Vertrauen in virtuellen Gemeinschaften?
  • Wie hoch ist der Einfluss aktiver Minderheiten auf die Gesellschaft durch das Internet tatsächlich?
  • Wie verändert sich die mediale Öffentlichkeit? Wie reagieren Politik und Wirtschaft?
  • Wie gehen die Gesellschaft und etablierte öffentliche Akteure mit Grenzüberschreitungen durch Web 2.0 um?
  • Wer ist der typische Web 2.0-Mensch? Was treibt ihn an?
  • Welche Mashups nutzen Menschen mit Behinderungen?
  • Wie sozial ist das Web 2.0 überhaupt? Sorgt es wirklich für eine übergreifende Community oder grenzen sich Gruppen vermehrt gegeneinander ab?

Moderation:

  • Heike Zirden, Bereichsleiterin Presse-, Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung der Aktion Mensch

Experten & Ihre Thesen:

  • Ibrahim Evsan, sevenload.de:
    1. Web 2.0 steht für das Sozialisierungsbedürfnis der Menschen.
    2. Web 2.0 setzt derzeit noch nicht auf die notwendige Barrierefreiheit, um die neuen Dienstleistungen allen potentiellen Nutzern zugänglich zu machen.
    3. Web 2.0 Angebote werden in Zukunft diese Anforderungen erfüllen müssen, um wirklich für jeden Nutzer zugänglich sein.
  • Prof. Dr. Heiner Hastedt, Universität Rostock:
    1. Nur eine Technik, die niemanden grundsätzlich ausschließt, ist auf Dauer legitim; Barrierefreiheit und Zugang für alle sollten im Netz deshalb selbstverständlich sein.
    2. Virtuelle Beziehungen im Netz können reale leibliche Beziehungen nicht vollständig ersetzen; Virtualität setzt Realität voraus.
    3. Das Konzept der Normalbiographie ist zerbrochen, so dass die Fragmentierung von Identität und die Vielfalt der Lebensmöglichkeiten immer selbstverständlicher werden.
  • Steffen Prey, Onlineredakteur:
    1. Viele Nutzer unterschätzen die Gefahren der Durchsichtigkeit in Social Networks und anderen Plattformen.
    2. Die Seriosität von Quellen und Informationen hat unter der Einführung von Web 2.0 eindeutig gelitten.
    3. Der Begriff »Web 2.0« ist in erster Linie eine Marketing-Erfindung
  • Thilo Trump, result GmbH:
    1. Das Medium Internet wird zu einem sozialen Interaktionsraum.
    2. Raum und Zeit verlieren bei gesellschaftlicher Interaktion an Bedeutung.
    3. Das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit verschiebt sich.

Ergebnisse des Workshops 10 – Fragmentierung, Vielfalt, Mash-Up:

Chancen

  • Talente, Mitteilungsbedürfnis, Aufmerksamkeit, Vielfalt
  • Web 2.0 wird anders genutzt als gedacht. Die beste Förderung ist es, es einfach geschehen zu lassen
  • Direkte und transparente Aushandlung gesellschaftlicher Fragen
  • Die Vereinzelung bekämpfen, Virtuelle Beziehungen als reale Beziehungen emanzipieren

Gefahren

  • Vielleicht haben wir hundert Freunde, vielleicht werden wir »Autisten«
  • Realitätsverlust und Infantilisierung
  • Fragmentierung führt zu Selbstbestätigung und Undurchlässigkeit
  • Verlust sinnlicher Erfahrungsräume, Natur, Bewegung, Nachbarschaft, Körperlichkeit
  • 1984, schöne neue Welt, Überwachung, Kontrolle
  • Riesige Datenmengen, kein Überblick, wer welche Daten wozu nutzt
  • Online-Identität 2.0 wird zu einem unkontrollierbar verwertbarem Wirtschaftsgut

Zu tun

  • Ressourcen bereitstellen für nichtkommerzielle Angebote und barrierefreie Multimedialösungen und 3D-Anwendungen.
  • alternative Kommunikation und Begegnungen fördern, die nicht virtuell sind, die aber aus der Web 2.0 resultieren
  • Jeder muss sich neue Wertmaßstäbe setzen und danach handeln, z.T. im globalen Maßstab.
  • Förderung nicht-virtueller Erfahrungsmöglichkeiten besonders für Kinder uns Jugendliche
  • Rahmenbedingungen und Ressourcen schaffen, Medienkompetenz vermitteln, Zugänglichkeit fördern
  • Hoheitsrechte über personenbezogene Informationen müssen beim Individuum liegen: Auskunft, Änderung, Löschung, überall bei jedem Datensammler öffentlich oder privat, jederzeit. Jeder ist Herr seiner eigenen Daten.
  • Stärkeres Bewusstsein für den Umgang mit Daten entwickeln

Fragen

  • Was kommt nach Web 2.0?
  • Wem nutzt es?
  • Wie verändern sich die realen zwischenmenschlichen Beziehungen wenn wir immer mehr virtuell kommunizieren/agieren?
  • Wie finde ich die Balance zwischen Paranoia und Exhibitionismus?
  • Schafft man es, mit der Teilöffentlichkeit Web zu leben?
  • Sind die gesellschaftlichen und kulturellen Barrieren genauso groß wie im realen Leben?
  • Wie kann die ältere Generation ins Web 2.0 besser einbezogen werden (Medienkompetenz weiterentwickeln)?
  • Muss ich Web 2.0 verstehen, um es zu nutzen?
  • Bis zu welcher Versionsnummer Web X.0 komme ich noch mit?
  • Wie kann Web 2.0 eingesetzt werden, um den Digital-Divide (Digitale Spaltung) zu überbrücken bzzw. Das Web tatsächlich zugänglich zu machen?
  • Verlieren Menschen ohne vermeintliche soziale Kontrolle jedes Schamgefühl?
  • Sollte die Gesellschaft nicht dafür sorgen, dass alle lernen, mit der Transparenz umzugehen?
  • Wie geht man im Web 2.0 mit dem Schutz der Persönlichkeit um?
  • Ist die Web 2.0-Community ein Modell, das später als reales Gesellschaftsmodell dienen soll oder kann?
  • Wann ändern wird das Urheberrecht und passen das Gesetz an die Realität an?
  • Wo bleibt die Individualität?
  • Trägt Web 2.0 langfristig zur Demokratisierung bei oder ist es ein vergänglicher Hype?