Workshop 04: Überall Computer ¶

Welche Geschäftschancen bieten Angebote im Internet und digitale assistive Techniken für Menschen mit und ohne Behinderungen?

Aus technischen Gründen steht der Video-Mitschnitt aus diesem Workshop leider nicht zur Verfügung.

In Steven Spielbergs Spielfilm »Minority Report« (2002) surft Tom Cruise im Jahr 2054 per sensorerfassten Handbewegungen durch das Internet. In der realen Welt des Jahres 2008 entwickeln kalifornische Forscher ein System, um Computer allein mit Hilfe der Augenbewegung zu steuern. Beispiele wie die zeigen, dass assistive Techniken nicht nur Menschen mit Behinderungen das Tor zum weltweiten Netz aufstoßen, sondern auch die Ausgangsbasis für neue Hard- und Software-Komponenten sind, die allen Internetnutzern den Zugang zum Netz erleichtern – vorausgesetzt es finden sich Unternehmer, die das Potential erkennen und zur Marktreife weiterentwickeln. Solche Entwicklungen machen eine Unterscheidung in barrierefrei und nicht-barrierefrei überflüssig, und lassen den Nutzer im Endeffekt vielleicht eines Tages sogar vergessen, dass das Gerät, das er gerade nutzt, überhaupt nur funktioniert, weil das Internet dahinter steht.

Nach Einschätzung zahlreicher Experten befinden wir uns zurzeit am Anfang einer dritten Phase der Computerisierung. Deren erste Phase begann Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Entwicklung von Großrechnersystemen, die hauptsächlich in Unternehmen sowie staatlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen eingesetzt wurden und werden. Seit den 80er Jahren verbreiteten sich dann Personal Computer, die heute ein fester – und deutlich sichtbarer – Bestandteil unseres beruflichen und privaten Alltags sind.

Im Unterschied dazu werden – so die Vision – die Computer der Zukunft hinter ihren Anwendungen verschwinden, ähnlich wie sich hinter einem einfach zu bedienenden Schalter ein komplexes Netzwerk der Energieerzeugung und -versorgung verbirgt. Der US-amerikanische Wissenschaftler Mark Weiser hat diese Entwicklung bereits 1991 in dem Aufsatz »The Computer for the 21. Century« (Der Computer für das 21. Jahrhundert) beschrieben und für die daraus folgende Allgegenwärtigkeit von Informationstechnologie den Begriff »Ubiquitious Computing« geprägt. Und der Autor und Berater Adam Greenfield fasst diese Entwicklung unter der Oberkategorie »Everyware« zusammen. Statt unterschiedlicher Endgeräte prägen in den Szenarien von Wissenschaftlern und Unternehmen »intelligente« Produkte, die untereinander vernetzt sind unseren Alltag. Angefangen bei moderner Haustechnik bis hin zu Kleidungsstücken mit integrierten Sensoren, die kontinuierlich ihren Träger überwachen. Entsprechend angepasste Systeme können für Menschen mit und ohne Behinderungen vielerlei Nutzen stiften. Gleichzeitig stellen sich im Zusammenhang mit der allgegenwärtigen Informationstechnik auch Fragen der Kontrolle und Datensicherheit.

Folgende Fragen konnten im Rahmen des Workshops diskutiert werden:

  • Ist das Internet des Jahres 2054 barrierefrei? Wie wird eine Tagung 2054 die heutige Diskussion beurteilen?
  • Welche Anwendungen lassen sich unter dem Begriff des »Ubiquitious Computing« zusammenfassen?
  • Welches Geschäftspotential steckt in heutigen assistiven Technologien?
  • Sind sich Forscher und Firmen dieses Potentials bewusst?
  • Was können Menschen mit Behinderungen und die Gesellschaft zur Verbreitung assistiver Technologien tun?
  • Welches besondere Potential bietet die Technik vor allem für Menschen mit Behinderungen?
  • Wie groß ist das Potenzial der Zielgruppe behinderter Menschen, wenn diese über neue Angebote vollständig in einen Markt integriert werden können?
  • Gibt es Geschäftsbereiche, zu denen behinderte Menschen ohne Internet basiertes Angebot gar keinen Zugang haben und die sich deshalb besonders eignen?
  • Der selbstbestellende Online-Kühlschrank – Wie kann digitale Haustechnik das Leben von Menschen mit Behinderungen verbessern?

Moderation:

  • Thomas Hänsgen, Vorsitzender des Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsvereins (tjfbv) e.V.

Experten & Ihre Thesen:

  • Dr. Stefanie Biala, Senior Line Manager Web&Media Application Fields Vodafone GROUP R&D Germany
    1. Das Internet der Zukunft ist mobil und mobile Endgeräte spielen in der Post-PC Ära eine entscheidende Rolle zur Überwindung der digitalen Kluft. Dabei wird durch die zunehmende Intelligenz der Umgebung/Peripherieelemente und Erweiterungen der Mensch-Maschine-Schnittstelle um Kommunikationselemente des Menschen wie Gestik, Berührung, Spracherkennung, Zoom, etc., die Nutzung intuitiv vereinfacht und die Technologien rücken in den Hintergrund.
    2. Die zunehmende Bedeutung von »Collaborative Intelligence« und Open Source-Entwicklungen schafft neues Potential für selbstinitiierte Projekte, kreative neue Ideen und kleine Kundensegmente.
    3. Viele Barrieren werden in den nächsten Jahren eingerissen aber durch die Geschäftsmodelle im Internet werden parallel neue aufgebaut, deren Auswirkung Behinderte und Nicht-Behinderte in gleicher Weise betreffen: Vor allem die Transparenz der digitalen Identität birgt Gefahren des Aufbaus von Barrieren aufgrund psychologischer Profilanalysen.
  • Arthur Ortega, Software Development Engineer bei Yahoo!:
    1. Barrierefreiheit wird zur Geschäftsgrundlage für das Internet in allen Situationen, denn immer mehr Nutzer ohne klassische Behinderung erfahren situative Behinderungen, wie z.B. hand- und augenfreies Surfen im Auto.
    2. Neue Angebote erschließen für Nutzer mit und ohne Behinderungen neue Kommunikationswelten und Ausdrucksweisen.
    3. Das Internet wird zur ständig verfügbaren Quelle für ein barrierefreies Leben.
  • Prof. Dr. Albrecht Schmidt, Lehrstuhl für Pervasive Computing und User Interface Engineering, Universität Duisburg-Essen:
    1. Digitale Assistenten werden unsere Fähigkeiten erweitern. Die Nutzung von digitalen assistiven Geräten wird zur Selbstverständlichkeit für alle. Es werden verschiedenste Geräte entwickelt werden, die unsere sensorischen, motorischen und kognitiven Fähigkeiten erweitern und verbessern.
    2. Kontextbezug verstärkt die lokale Interaktion. Durch Komponenten welche die Position (z.B. GPS), Situation und Aktivität des Benutzers erkennen, können wir dem Kontext angemessene Möglichkeiten zur Interaktion aufzeigen oder diese initiieren.
    3. Benutzergenerierte Daten in der wirklichen Welt helfen weiter. Durch technologische Unterstützung erzeugen wir implizit mit unseren alltäglichen Handlungen Informationen, die für andere Personen hilfreich und wertvoll sind.

Ergebnisse des Workshops 04 – Überall Computer:

  1. Einfach für Alle – wirtschaftlich für alle
  2. »assistive« Technologien verbessern Chancen
  3. Communities – Basis für zeitnahe Barrierefreiheit – Unterstützung, aber kein Ersatz
  4. Offene Plattformen – Zukunft für Barrierefreiheit und Geschäftschancen