Workshop 02: Vernetzt und interaktiv ¶

Welche Chancen und Risiken birgt die virtuelle Versorgung von Menschen mit Behinderungen?

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Auf den ersten Blick beherrscht ein vermeintlicher Widerspruch die Debatte um die Zukunft des Gesundheitswesens: Die Verbesserung der bestehenden Versorgungsangebote bei gleichzeitiger Kostensenkung, oder kurz gesagt »mehr für weniger«. Auf den zweiten Blick scheint beides zugleich doch möglich – beispielsweise durch den Einsatz moderner Informationstechnik in der telemedizinischen Versorgung. Erfahrungen aus den Niederlanden, wo Herzpatienten medizinisch betreute Logbücher im Netz führen, oder Großbritannien, wo der Hausarzt während der Sprechstunde für seinen Patienten beim Spezialisten seiner Wahl einen Termin bucht, machen Mut. Auch in Deutschland betonen Befürworter deshalb, dass telemedizinische Verfahren die Versorgungsqualität für Patientinnen und Patienten deutlich verbessert und die Forschung auf neues Datenmaterial zurückgreifen kann. Skeptiker dagegen befürchten, dass der unmittelbare Kontakt zwischen Arzt und Patienten verloren geht und die reale Versorgung zugunsten der virtuellen ausgedünnt wird. Außerdem stehen Fragen nach Datenhoheit und -sicherheit im Raum.

Folgende Fragen konnten im Rahmen des Workshops diskutiert werden:

  • Welche Versorgungsleistungen lassen sich überhaupt online anbieten und wo liegen die Grenzen einer barrierefreien Versorgung? Was ist sinnvoll und was nicht?
  • Wird die Versorgung der Bürger tatsächlich besser, effektiver und schneller oder geht es nur darum, Kosten zu sparen?
  • Welche rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen braucht eine barrierefreie Versorgung?
  • Wie sieht es mit der Datenhoheit und -sicherheit aus (bspw. bei der elektronischen Gesundheitskarte)? Was spricht für und was gegen eine zentrale Datenspeicherung?
  • Profitieren Menschen mit Behinderungen wirklich davon, dass sie Dank telematischer Verfahren leichteren Zugang auch zu entfernten Spezialisten haben?
  • Führen virtuelle Versorgungsmodelle zur Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen, weil sie dadurch im Alltag weniger präsent sind?
  • Welche guten Praxisbeispiele gibt es für barrierefreie Versorgungsangebote und wie bewerten Ärzte, Patienten und Verwaltung die Zukunftsaussichten?

Moderation:

Experten & Ihre Thesen:

  • Christian Bayerlein, Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen, Mainz e.V.
    1. Telemonitoring kann eine Ergänzung zu anderen Methoden sein, diese aber nicht ersetzen. Insbesondere nicht den direkten Kontakt zu Beratern.
    2. Das Internet ist ein gutes Instrument für die Arbeit von Selbsthilfegruppen. Hierbei müssen aber alle partizipieren können und dafür ist Barrierefreiheit von zentraler Bedeutung.
    3. Benutzer von telemedizinischen Angeboten sollten sich angenommen fühlen und das System annehmen. Ein vernünftiger Umgang mit ihren Daten ist dafür absolut notwendig.
  • André Necke, Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen
    1. Umfassende Barrierefreiheit ist die zentrale Voraussetzung, damit behinderte Menschen die Chancen des Internets nutzen können.
    2. Bei eGovernment Angeboten zur Versorgung behinderte Menschen müssen alle Kommunikationskanäle nutzbar bleiben (Multikanalfähigkeit).
    3. Zugang zu breitbandigen Informations- und Kommunikationstechnologien ist der Schlüssel zur Überwindung der Digitalen Spaltung.
  • Beatrix Reiss, ZTG Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen
    1. Telemonitoring ist eine wichtige Ressource zum Management chronischer Erkrankungen, die oft die Folge von Behinderungen sind; das gilt besonders für das Pflegemonitoring.
    2. Selbsthilfe im Internet ermöglicht eine Verbreiterung des Aktionsradius, allerdings mangelt es an Barrierefreiheit.
    3. Für den Erfolg der Systeme ist eine strikte Einhaltung des Datenschutzes erforderlich.

Der menschliche Tortenfaktor

Medizinische Versorgung über das Internet birgt Chancen und Risiken

Von Christian Schmitz

Auf den ersten Blick beherrscht ein Wider­spruch die Debatte um die Zukunft des Gesund­heits­wesens: Die Ver­besser­ung der be­stehen­den Ver­sor­gungs­ange­bote bei gleich­zeitiger Kosten­senkung, oder kurz gesagt ›mehr für weniger‹. Auf den zweiten Blick scheint beides zu­gleich doch möglich – bei­spiels­weise durch den Ein­satz moderner Infor­mations­tech­nik in der tele­medi­zinischen Ver­sor­gung über das Inter­net. Die birgt je­doch nicht nur Chancen, sondern auch Risiken.

Die Erfahrungen anderer machen Mut: In den Niederlanden führen Herzpatienten medizinisch betreute Logbücher im Internet. In Großbritannien bucht der Hausarzt während der Sprechstunde online für seinen Patienten beim Spezialisten einen festen Termin. Möglich wird dies über eine Vernetzung zwischen Patient, Arzt, Krankenhaus und Kostenträger via Internet, bei der die Patientendaten zentral gespeichert und zum Beispiel durch eine Elektronische Gesundheitskarte jederzeit von jedem Ort abrufbar sind. Das spart Zeit, die je nach Situation lebensrettend sein kann.

Auch in Deutschland betonen Befürworter deshalb, dass telemedizinische Verfahren die Versorgungsqualität deutlich verbessert. Zudem werden die Prozesse effizienter, argumentierte Beatrix Reiss vom ›Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen‹ kürzlich auf einer Tagung der Aktion Mensch . Ein zweiter Arztbesuch oder eine zweite Röntgenaufnahme lassen sich so vermeiden. In Zeiten knapper Kassen sei dies auch ein Beitrag zur Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen.

Skeptiker dagegen fürchten, dass der unmittelbare Kontakt zwischen Arzt und Patient verloren geht und die reale Versorgung zugunsten der virtuellen ausgedünnt wird. Die Telemedizin kann den persönlichen Kontakt zum Arzt nicht ersetzen, erklärte Christian Bayerlein vom ›Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen in Mainz‹. Nach dem Willen der Bundesregierung soll sie das auch nicht. Der Arztbesuch muss sichergestellt bleiben, so André Necke vom Arbeitsstab der Behindertenbeauftragten. Dem Patienten müssten im besten Fall mehrere Kanäle zum Angebot seiner Wahl offen stehen.

Ob diese Wahlfreiheit wirtschaftlichen Zwängen standhält, darf bezweifelt werden. Kein Finanzverantwortlicher hält teure Kanäle wie Mitarbeiter vor Ort offen, wenn es über das Internet einmal kostengünstiger geht, kam es aus dem Publikum.

Überhaupt spielen wirtschaftliche Überlegungen eine große Rolle. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers erwartet allein für NRW in den nächsten zehn Jahren 200.000 neue Arbeitsplätze im telemedizinischen Bereich. Das sind zum Beispiel Arzthelferinnen mit IT-Kenntnissen oder E-Health-Manager an Krankenhäusern, präzisierte Beatrix Reiss. Hinter diesen Prognosen steckt ein ungeheures Marktpotential. Schließlich muss irgendwer die Hard- und Software entwickeln und verkaufen.

Und wie werden all die Daten geschützt, die da künftig gemanagt werden? In Großbritannien zum Beispiel sind die Daten von 160.000 erkrankten Kindern mit und ohne Behinderung einfach verschwunden. Gerade beim Thema Datenschutz und –sicherheit sind noch längst nicht alle Fragen geklärt, erläuterte Beatrix Reiss und forderte Patientenvertreter und Behindertenhilfe und –selbsthilfe auf, sich stärker in die Diskussionen einzuklinken.

Denn bei aller Technik werden es doch die Menschen bleiben, die dafür sorgen, ob und wie eine telemedizinische Versorgung funktioniert. Die Furcht, dass künftig mehr über als mit dem Patienten geredet werde und dass der Patient am Ende gar nicht mehr wisse, was da alles über ihn gespeichert ist, konterte eine Teilnehmerin mit der Frage: Ob ich nun meinen Hausarzt oder den Computer beschummele, wieviel Torte ich trotz Diabetes gegessen habe, macht doch letztlich keinen Unterschied, oder?

Ergebnisse des Workshops 02 – Vernetzt und interaktiv:

  1. Finanzierung, Technik und Schulung?
  2. Datenschutz muss gesichert sein ohne Verlust Barrierefreiheit (Stichwort Digitale Signatur)
  3. Wahlfreiheit erhalten! (Mehrkanalität)
  4. Transparenz über Versorgungsprozesse für Patienten/Menschen mit Behinderung
  5. Kein Ersatz für persönliche Assistenz bzw. Kontakt
  6. Offene Schnittstellen (Einhaltung/Durchsetzung Standards)
  7. Wissensmanagement für Patienten
  8. Aufklärung über Vorteile Patienten
  9. Vernetzung als Hilfmittel für Beratung und Selbsthilfe