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Viel hilft viel?

Hallo und herzlich willkommen zur zehnten Ausgabe des Podcasts von ›Einfach für Alle‹, der Aktion Mensch-Initiative für barrierefreies Webdesign. Nach den Tipps der letzten Wochen was man alles einbauen sollte geht es heute um das genaue Gegenteil: Hilfen, die bei unüberlegtem Einsatz selbst zur Barriere werden können.

Autor: tc

Am Mikrofon heute Manfred »majo« Heinze, Links zum Selberdrücken gibt's wie immer in der Mitschrift.

Viel hilft viel?

Nicht nur aus purer Neugier schauen wir uns beinahe täglich jede Menge Webseiten an. Dabei fallen uns immer wieder Angebote auf, die alle möglichen Verrenkungen in Richtung Barrierefreiheit unternehmen und dabei weit über das Ziel hinausschießen. In der Hoffnung allen Nutzungsszenarien gerecht zu werden stopfen die Anbieter alles in ihre Website, was das HTML-Vokabular hergibt. Heraus kommen Seiten, bei denen man vor lauter »Hilfen« den eigentlichen Inhalt kaum noch wahrnehmen und erst recht nicht bedienen kann.

Deswegen schauen wir uns heute ein paar Dinge an, auf die man getrost verzichten kann.

Fehler № 1:
Bitte entscheiden Sie sich jetzt, wohin Sie springen möchten

Gelegentlich finden wir auf Seiten bis zu einem dutzend (!) Skip-Links am Anfang der Dokumente, die die Orientierung erleichtern sollen. In diesen Fällen scheinen die Entwickler die Vorgaben aus den WCAG bzw. der BITV wörtlich zu nehmen, ohne den tieferen Sinn der Richtlinien zu berücksichtigen.

Beide Richtlinien verlangen, inhaltlich verwandte Links zu gruppieren. Sie sollen mit einem Mechanismus versehen werden, der ein Überspringen ermöglicht (sogenannte Skip-Links). Die WCAG 2 sind da präziser: dort wird empfohlen, am Anfang eine Sprungmarke zum wesentlichen Inhalt einer Seite zu setzen. Und genau da liegt der eigentliche Sinn der Skip-Links: sie sollen punktgenaues Anspringen ermöglichen, ohne dass man erst die ganze Navigation durchtabben muss.

Wenn man nun aber Batterien von Links nach dem Muster:

<a href="#">Zur Hauptnavigation</a>, <a href="#">Zur Metanavigation</a>, <a href="#">Zur Infonavigation</a>, <a href="#">Zur Unternavigation</a>, <a href="#">Zur Bereichsnavigation</a>, <a href="#">Zur Servicenavigation</a>, <a href="#">Zum Seiteninhalt</a>, …

in einer Seite hinterlegt tut man seinen Besuchern keinen Gefallen – wobei in einem solchen Fall möglicherweise auch die gesamte Informationsarchitektur und die Gestaltung des Angebotes überdacht werden sollte. Eine Navigation, die sich über viele Unterebenen erstreckt und so beliebig über die Seite verteilt ist, dass man entsprechend viele Sprungmarken braucht, ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur unbedienbar, sie wird auch nicht verstanden.

Streng genommen reichen einzelne, geschickt platzierte Sprungmarken, um den wesentlichen Inhalt zu erschliessen. Wenn diese Inhalte mit einer vernünftigen Überschriftenstruktur ausgestattet sind, Listen als Listen ausgezeichnet sind usw., dann erübrigen sich alle weiteren Hilfen von alleine.

Fehler № 2:
Bitte konfigurieren sie unsere Seiten, bevor Sie bei uns einkaufen

Bei einigen Angeboten fällt auf, dass diese nahezu endlose Konfigurationsmöglichkeiten anbieten. Bevor man überhaupt etwas dem eigentlichen Sinn und Zweck der Seiten erfährt muss man erstmal mehrere Bildschirmseiten mit Bedienhinweisen und Anpassungsmöglichkeiten durchackern.

Auch wir benutzen bei Einfach für Alle seit Jahren ein Skript, mit dem Nutzer die Schriftgröße dynamisch verändern können und einen Style Switcher zum Umschalten zwischen verschiedenen Layouts. Manche Anbieter gehen allerdings soweit und bieten Funktionen an, die besser dem Betriebssystem überlassen werden sollten. So macht eine alternative Gestaltung mit invertierten Farben keinen Sinn, auch wenn man damit vermeintlich sehbehinderten Nutzern entgegenkommen will. Wer wirklich sehbehindert ist und aufgrund der oftmals damit verbundenen Blendempfindlichkeit eigene Farben eingestellt hat (z. B. Gelb auf Schwarz), dem nützt ein solcher Umschalter nichts. Im besten Fall werden, je nach verwendetem Betriebssystem die Farben einfach ignoriert, oder man erhält im schlimmsten Fall wieder die positive Darstellung mit dunklem Text auf hellem Hintergrund.

Merke: nicht alles, was technisch machbar ist nützt auch dem Nutzer.

Fehler № 3:
Bitte drücken Sie Alt-Cmd-Ctrl-Shift-Esc-F8-Enter

Ähnliches gilt für die immer noch häufig anzutreffenden Accesskeys. Diese werden häufig, oft auch in Verbindung mit Skip-Links, eingesetzt, um Bereiche einer Seite unmittelbar anspringen zu können. Bei häufig genutzten webbasierten Anwendungen, bei denen man einen gewissen Lernaufwand seitens des Benutzers voraussetzen kann, mögen diese noch sinnvoll sein. Auf reinen Content-Seiten sind sie dies in der Regel nicht. Problematisch ist hier der Lernaufwand, der den Nutzen übersteigt; fehlende, weil unmögliche Konventionen zur Belegung der Accesskeys; und die stark abweichende Umsetzung in den verschiedenen Browser-/Betriebssystem-Kombinationen.

Fehler № 4:
Bitte drücken Sie nicht hier

Bei unseren Streifzügen sind wir auch schon über Seiten gestolpert, die tatsächlich für jeden einzelnen Link ein tabindex-Attribut vergeben hatten. Und zwar genau in der Reihenfolge, in der sie im Quelltext standen! Besonders fatale Wirkung entfaltet tabindex zusammen mit den oben angesprochenen Skip-Links und Accesskeys. Hat man einmal eine solche vermeintliche Hilfe innerhalb einer Seite benutzt und drückt dann zum weiterkommen auf die Tab-Taste, fängt man automatisch wieder bei Null an, d. h. in der Regel ganz oben im Dokument.

Fehler № 5: Fehler № 5: Fehler № 5: Fehler № 5:
geschwätzige Alternativen

Im Bestreben, den allerersten Punkt aller Richtlinien zur Barrierefreiheit besonders gut zu erfüllen schießen viele Web-Autoren weit über das Ziel hinaus. Gemeint sind alternative Texte für Bilder und Grafiken, die doppelt und dreifach in einer Seite hinterlegt werden.

Was gerade in der Sprachausgabe sehr anstrengend sein kann sind nicht nur überaus geschwätzige Alternativtexte, sondern auch Doppler von identischen alt- und title-Attributen bei Bildern, die zudem im umgebenden Link und im daneben stehenden Text nochmals wiederholt werden.

Ähnliches gilt für title-Attribute von Links, in denen nichts anderes als der verlinkte Text wiederholt wird, »Absenden«-Buttons mit zusätzlichem »Absenden«-title und so weiter: Viel hilft nicht immer viel.

Gerade wenn der Texter besonders freundlich sein wollte und den Link zum Katalog mit dem tollen title-Attribut »Klicken Sie hier, um zu unserem hervorragenden Katalog zu kommen« dekoriert hat wird die Navigation im Screenreader zu einem Geduldsspiel. Der grösste anzunehmende Unfall tritt ein, wenn der Nutzer so genervt ist, dass er zum Beispiel in seinem Screenreader die Ansage von title-Attributen ganz unterdrückt und dann wichtige Hinweise nicht mehr mitbekommt, die sich in folgenden title-Attributen verstecken.

Fehler № 6:
Barrieren, an die keiner denkt

Nahezu unmöglich wird die Bedienung solcher wohlmeinenden Hilfen, wenn man zur Steuerung eine Spracheingabe benutzt. Ein sehender Nutzer sieht den Text »Bestellen« des grafisch realisierten Absenden-Buttons in einem Formular und spricht diesen ins Mikrofon. Die Sprachsteuerung kann aber das Bild nicht lesen und ist stattdessen auf den Text im Alternativ-Attribut angewiesen. Wenn dort nun nicht der exakt gleiche Text hinterlegt ist, sondern »Klicken Sie hier, um zur Kasse zu gehen« steht, dann scheitert an dieser Stelle der gesamte Bestellvorgang.

Fazit:

Anbieter von Webseiten sind häufig immer noch der Auffassung, dass Barrierefreiheit mehr kostet. Verschiedene Berechnungen haben aber gezeigt, dass die Gesamtkosten barrierefreier Internet-Angebote nicht höher liegen als die anderer Webseiten. Die Beispiele, die wir heute angesprochen haben, zeigen jedoch, dass Barrierefreiheit tatsächlich höhere Kosten verursachen kann, aber nur wenn man sie falsch begreift. Unsere Empfehlung: Web-Designer sollten die Richtlinien nicht als abzuhakende Checklisten nutzen, sondern ihren Ursprung, ihre Wirkung und ihre möglichen Nutzungsszenarien bedenken. Dann kann man mit weniger oft mehr erreichen – und damit ist wirklich allen geholfen. Denn die eingesparten Ressourcen können in die Verbesserung der Inhalte fliessen, und daran sind die Nutzer ja eigentlich interessiert.

So, das war die zehnte Ausgabe unseres wöchentlichen Podcasts zum Thema barrierefreies Webdesign. Der Dank der Woche geht diesmal an Niko Krupinski vom Niedersächsischen Blinden- und Sehbehindertenverband, der uns beim Brainstorming zu diesem Thema geholfen hat. Weitere Meldungen zum Thema der heutigen Sendung finden Sie im Weblog von Einfach für Alle unter den Tags , und ; die Links gibt's wie üblich in der Mitschrift.

Wenn es Ihnen gefallen hat hören wir uns nächste Woche wieder.