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News mit dem Tag »Leichte Sprache«

Heute wieder mal gehobene Kost für die Zielgruppe der Konzepter und Informationsarchitekten:

Noch vier Monate, dann wird sie verbindlich: die neue deutsche Rechtschreibung. Wegen des jahrelangen Streits verharren viele noch im inneren Lernstreik gegenüber der Reform. Hilft aber alles nichts mehr, denn ab dem 1. August gilt in Schulen und Behörden ausschließlich das neue Regelwerk. Wie fit Sie in der neuen Rechtsschreibung wirklich sind können Sie in einem kurzen Test bei akademie.de feststellen. Passend dazu gibt es auch gleich noch einen kostenlosen Online-Kurs, mit dem man sein Wissen auf den neuesten Stand bringen kann: »Die neue deutsche Rechtschreibung«.

Der Zwiebel Fisch ist zwar immer wieder lesens wert, aber er leidet an dem grund legenden Design Fehler, dass ihn sowieso nur die Leute lesen, die es eigentlich besser wissen müssten. Dabei deckt die Spiegel Kolumne doch die gesamte Band Breite menschlicher Sprach Schöpfung ab. Lediglich einem einzelnen, aber dafür umso häufigeren Fehler widmet sich die Web Site Deppen Leer Zeichen, die wir bei IT&W fanden. Ausreichend Lese Stoff für die kommenden langen Winter Abende.

Kognitive Behinderungen sind die von Webentwicklern am wenigsten verstandenen und diskutierten Behinderungen. Dabei reicht das Spektrum von Lernbehinderungen über Entwicklungsstörungen bis zu neurologischen Befunden. Allen ist gemein, daß dies in der Web Accessibility ein weitestgehend unerforschtes Gebiet ist, auch wenn wir hier über wesentlich größere Gruppen von Menschen sprechen als zum Beispiel bei den in der Diskussion dominierenden blinden und sehbehinderten Menschen. Erschwerend kommt hinzu, daß sich die Zugänglichkeit bei den Gruppen der kognitiv Behinderten nicht auf ein technisches Problem reduzieren lässt, das alleine mit technischen Mitteln zu lösen wäre.

Den aktuellen Stand der Forschung zeigt ein zweiteiliger Artikel von Paul Bohman und Cyndi Rowland, der von Jens Meiert aus dem Englischen übersetzt wurde:

Die Bewerber um den BIENE-Award wurden in der letzten Woche von People First Deutschland auf barrierefreie Sprache getestet. Petra Groß vom Netzwerk der Menschen mit Lernschwierigkeiten sagte in einem Interview mit kobinet: Halt, bitte leichte Sprache, das mussten wir beim Lesen der Webseiten mehrfach sagen. Morgen haben wir noch einmal einen ganzen Tag zum Testen vor uns. People First heißt, der Mensch zuerst. Was für Leute im Rollstuhl die Treppen sind, ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten schwere, mit Fremdwörtern durchsetzte und in Schachtelsätzen daher kommende Sprache. Im Prüfverfahren zum BIENE-Award werden natürlich auch diese Barrieren berücksichtigt.

Wie lassen sich barrierefreie Websites einfach gestalten, gerade im Hinblick auf Sprache und Orientierung? Worauf ist zu achten? Mit diesen Fragen hat sich Astrid Hassenbach in ihrer Abschlussarbeit im Studiengang Digitale Medien an der Universität Bremen beschäftigt. Im Zusammenhang mit dem Relaunch der Website der Stadtbibliothek Bremen entstand dabei ein Leitfaden zur Textgestaltung, der zusammenfasst, worauf beim Schreiben für das Web zu achten ist: »Leitfaden zum Erstellen von Texten im Internet«.

Via kobinet: Wiener Bürger, die für die positive Erledigung der Angelegenheit einen Nachweis benötigten, dass die Einbringlichkeit des Abgabenrückstandes durch den Zahlungsaufschub nicht gefährdet ist wird nun geholfen. Die Verwaltung der österreichischen Bundeshauptstadt macht sich zusammen mit den Bürgern an die Durchforstung sämtlicher Texte und Formulare, um diese lesbarer, verständlicher und damit bürgerfreundlicher zu gestalten.

Der Presse- und Informationsdienst der Stadt meint dazu: Die Stadt Wien ist ein Dienstleistungsunternehmen. Dienstleistung drückt sich vor allem in Sprache aus. Sprache ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Sie kann verbinden, aber auch ausgrenzen. Die Wiener Stadtverwaltung will verstanden werden. Ergebnis der Aktion ist ein Leitfaden, in dem die Mitarbeiter der Stadt Tipps für einen besseren Umgang mit geschriebener Sprache finden. Motto: »Einfach ist nicht primitiv. Lang ist nicht automatisch inhaltsreich. Kompliziert ist nicht gleich intelligent.« Das sollte Schule machen.

Nachdem mitten im Sommerloch einige Verlagshäuser die Kehrtwendung in Sachen Rechtschreibung vollzogen (wir berichteten) haben nun auch die verdrahteten Nachrichten ihre ganz private reform verabschiedet und gehen wieder zur gemäßigten kleinschreibung zurück. Auch wenn die kleinschreibung meist mit otl aicher verbunden wird – ein blick in die archive zeigt uns, dass die reformansätze zur kleinschreibung bis in die zwanziger jahre des vergangenen jahrhunderts zurückreichen.

Wo wir gerade bei otl aicher sind – »Wo ist Spiekermann?«, fragt sich Gerrit van Aaken.

Heute wieder einmal quer durch den Garten:

Wenn es nicht solche publizistischen Dickschiffe wären könnte man an eine Ente aus dem Sommerloch glauben: die Axel Springer AG und der SPIEGEL-Verlag kehren in ihren Print- und Online-Publikationen zur klassischen deutschen Rechtschreibung zurück. Gleichzeitig richten die Verlage einen Appell an andere Medienunternehmen sowie an die Nachrichtenagenturen, sich diesem Schritt anzuschließen. Mehr dazu beim Spiegel: »SPIEGEL-Verlag und Axel Springer AG kehren zur klassischen Rechtschreibung zurück«.

Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) möchte seine Website gerne für alle Bürger zugänglich anbieten. In einem Pilotprojekt wurden neulich bereits einige Inhalte in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt und als Video angeboten. In einem weiteren Schritt sollen nun die Inhalte auch Menschen mit Leseschwäche oder geringen Deutschkenntnissen vermitttelt werden. Um deren Bedürfnisse besser zu verstehen und die optimale Lösung anbieten zu können, hat das Ministerium nun einen Fragebogen ins Netz gestellt: Anonymer Fragebogen zu »Das Internet hören«. Der Fragebogen kann bis zum 31. Juli 2004 beantwortet werden, dann erfolgt die Auswertung, die ebenfalls im Internet veröffentlicht wird.

Via stern.de: »‹Denglisch› ist bloß Imponiergehabe« – unter diesem Motto stellt der Verein Deutsche Sprache (VDS) die fünf Kandidaten für den Titel »Sprachpanscher des Jahres 2004« vor. Angeführt wird die Liste von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn. Wer mit einer Aktion namens ‹Brain-up› für deutsche Spitzenuniversitäten wirbt, hat diese Nominierung bestens verdient, so VDS-Vorsitzender Walter Krämer.

In diesem Zusammenhang auch immer wieder erheiternd ist die VDS-Anglizismenliste 2004.

Die Obsession der WCAG-Arbeitsgruppe, alle Inhalte im Netz auf reinen Text reduzieren zu müssen ist nicht nur Webentwicklern seit langem ein Dorn im Auge. So auch Kevin Leitch, der in seinem Artikel »WCAG and the Myth of Accessibility« einmal die Fakten und Zahlen zurecht rückt.

Die Argumentation, dass die in weiten Teilen rein technisch orientierten Vorgaben zur Barrierefreiheit viele neue Hürden für andere Benutzergruppen aufbauen, ist dabei durchaus nachvollziehbar. Das liegt zum einen an der Struktur der Richtlinien, denn die weitestgehend maschinell zu erledigen Vorgaben aus den WCAG 1.0 A und AA (bzw. BITV Prio. 1) begünstigen hauptsächlich Gruppen von Benutzern, bei denen die Barrierefreiheit ein rein technisch zu lösendes Problem darstellt.

Menschen, die visuell kommunizieren müssen, ist aber mit einem Textäquivalent in einer für sie hochkomplexen Schriftsprache nicht unbedingt geholfen. Da die Richtlinien aber viele Möglichkeiten, diese Gruppen zu bedienen unterbinden oder doch zumindest erschweren (diese also nur mit erhöhtem Aufwand einsetzbar sind), werden durch eine Barrierefreiheit, die sich auf die Mindestvorgaben beschränkt, unter Umständen mehr Nutzer ausgeschlossen als zusätzlich bedient.