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News mit dem Tag »DGS«

Der angekündigte Relaunch der Website des Royal National Institute for the Deaf (wir berichteten) ist seit gestern online. Wie viele Relaunches der letzten Zeit ist auch dieser handwerklich sehr ordentlich gemacht mit einer durchgängige Qualität über die ganze Site hinweg. Die einzelnen Seiten selbst sind sehr gut strukturiert und mit den gängigen Zusatzhilfen versehen. Die wenigen Syntaxfehler und die vereinzelt verbliebenen Layouttabellen sehen aus wie die typischen Altlasten, die man bei komplexen Angeboten mit historisch gewachsenem Content auch nicht so einfach herausbekommt.

Via kobinet: Das Hamburger Unternehmen Gebärdenwerk hat den Multimedia-Nachwuchspreis des Hochschulwettbewerbs Multimedia Transfer gewonnen. Gebärdenwerk erstellt Filme in Deutscher Gebärdensprache, um gehörlosen Menschen textbasierte Informationen verständlich zu machen. Darüber hinaus beraten die Gründer Unternehmen und öffentliche Einrichtungen, um den Zugang zu hörgeschädigten Menschen sicher zu stellen und die Zielgruppe bedarfsgerecht zu erreichen.

Via accessify: Das britische Royal National Institute for the Deaf (RNID) arbeitet gerade an einem Relaunch seiner Website. Wohltuend liest sich die Ankündigung, daß nicht nur die Belange gehörloser oder schwerhöriger Menschen mit in die Konzeption, Gestaltung und Umsetzung eingeflossen sind, sondern dass auf ein ganz breites Spektrum Rücksicht genommen wird: RNID tested prototypes of the site with people with a wide range of disabilities - including hearing and sight loss, dyslexia, colour blindness, wheelchair users and people with limited dexterity – to ensure the site reflected how people intuitively search for information.

Ein echtes Novum ist der Teaser zur angekündigten neuen Website unter rnidteaser.co.uk – ein Konzept, das man bisher nur von Kinofilmen kennt. Auch scheint man begriffen zu haben, daß ein wirklich zugängliches Web mehr braucht als nur das Abhaken von Checklisten: Simply meeting the guidelines doesn't mean your site is accessible. The guidelines are intended to help – they're not an end in themselves. The guidelines are… well, just guidelines. Dem haben wir nichts hinzuzufügen und freuen uns schonmal auf den Relaunch, der für den 17. März geplant ist.

Via Herrn K. aus B.: Nach den Vorgaben der BITV 1.4 müssen Filme oder Animationen mit, wie es heisst äquivalenten Alternativen synchronisiert werden. Der Grund für diese Richtlinie ist, daß damit hörbehinderten oder blinden Menschen die Inhalte überhaupt erst zugänglich gemacht werden. Diese Zielgruppen kann man demnächst um einen weiteren Eintrag ergänzen: wie die Netzeitung berichtet hat Google die Beta-Version einer neuen Suchtechnologie namens »Video Search« vorgestellt, mit der erstmalig auch Untertitel in multimedialen Formaten durchsucht werden können. Zunächst werden nur amerikanische Fernsehsender indiziert, die schon seit langem beinahe ihr gesamtes Programm mit Untertiteln versehen. Aus der Perspektive der gleichberechtigten Teilhabe am e-Government besonders interessant ist die Einbeziehung des Parlamentssenders C-SPAN (vergleichbar in etwa mit Phoenix), Fox News hingegen kann man sich auch schenken.

Das die WCAG 1 und damit natürlich auch die BITV eher einen Schwerpunkt auf die rein technische Barrierefreiheit setzen ist ja hinlänglich bekannt. Die technischen Lösungen für ein zugänglicheres Web sind mittlerweile gut dokumentiert, selbst für die exotischsten Empfindlichkeiten der Hilfsmittel blinder oder sehbehinderter Menschen gibt es ausreichende Workarounds.

Das davon verschiedene Gruppen von Menschen mit Behinderung kaum etwas haben, weil für sie die Barrieren auf der inhaltlichen Ebene bestehen bleiben scheint sich dagegen nach wie vor unter den Entwicklern von Webangeboten und auch bei den Standardisierungsgremien nicht herumgesprochen zu haben. Zum Teil liegt das ganz sicher auch an den Barrieren in der Kommunikation, denen sich Menschen mit Lernbehinderung oder gehörlose Menschen gegenüber sehen. Zumal die Kommunikation innerhalb der Web Accessibility Initiative des W3C ausschließlich in Englisch abläuft, was für sich genommen schon eine Hürde darstellt.

Damit die große Gruppe hörgeschädigter Menschen bei der Neuauflage der WCAG nicht erneut aussen vor bleibt, haben Ralph Raule, Stephan Rothe und Melanie Cromwell ein sehr lesenswertes Papier erstellt, ins Englische übersetzt und als public comment in die Diskusssion eingebracht: »Deaf People, the Internet, and the WCAG 2.0«.

Die kernpunkt GmbH aus Köln wird heute ihr komplettes Team für ein gemeinnütziges Projekt zur Verfügung stellen. Die Aufgabe: in 24 Stunden soll die Website des »Taubenschlag«, dem größten deutschsprachigen Webangebot für Gehörlose und Schwerhörige, barrierefrei überarbeit werden.

Bis zu 5.000 Besucher verzeichnet www.taubenschlag.de täglich und ist damit eine der wichtigsten Anlaufstellen für gehörlose und schwerhörige Menschen im Netz. Gemeinsam mit Bernd Rehling, dem Initiator des Taubenschlags und seinem Team wird die Website nun auf professionelle Beine gestellt. Dank der Unterstützung können wir uns endlich mit mehr Energie um die redaktionelle Betreuung kümmern, freut sich Rehling, der seit über sieben Jahren die Internetseite ehrenamtlich pflegt. Mit dabei sind auch die Spezialisten vom Hamburger Gebärdenwerk, die einige Berichte des Taubenschlags in DGS-Videos umsetzen und zwei Dolmetscher von Loor Ens, die den ganzen Tag nach DGS und zurück übersetzen. Als Schirmherrin für das Projekt konnte die Behindertenbeauftrage des Landes NRW, Regina Schmidt-Zadel, gewonnen werden, die heute bei der Einpflege der Inhalte in das neue CMS helfen wird.

Irgendwie war diese Meldung wegen der Vorarbeiten zum BIENE-Award untergegangen: das ‹National Center on Disability and Access to Education› hat am 1. Dezember eine Live-Übertragung zum Thema »Research and Development of Accessible Technologies« veranstaltet. Interessierte konnten per E-Mail Fragen einsenden, die dann umgehend beantwortet wurde. Das eigentlich spannende an der Veranstaltung war aber, daß die Übertragung nicht nur über den Audiokanal lief, sondern daß die gesamte Diskussion auch in Echtzeit mitgeschrieben wurde, sodaß sich auch gehörlose Menschen ohne Umwege beteiligen konnten.

Eine Meldung in eigener Sache: vom 10. bis 13. November (also ab morgen) berichten wir wie gewohnt live von der RehaCare. Wenn Sie uns besuchen wollen: Sie finden uns in Halle 3, Stand C59/C60. Falls Sie mit Kindern unterwegs sind und sich mal in Ruhe umschauen wollen: Die Aktion Mensch hat auch dieses Jahr wieder ihre traditonelle integrative Kinderbetreuung für Kinder mit und ohne Behinderung. An allen Messetagen ist auch eine Dolmetscherin für Gebärdensprache anwesend. Wir freuen uns auf interessante Diskussionen. Weitere Informationen zur Messe finden Sie im Presseportal der Aktion Mensch und unter www.rehacare.de.

Das von den Organisationen der Behindertenhilfe und –selbsthilfe seit langem geforderte Zivilrechtliche Antidiskriminierungsgesetz (ZAG) befindet sich derzeit in der Ressortabstimmung. Für Ende des Jahres ist dann ein Kabinettsbeschluss geplant, so Beate Moser, Pressesprecherin des federführenden Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Grundlage der Beratungen in den einzelnen Ministerien sei der Entwurf aus dem Mai 2004, den die Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen (DG) kürzlich im Internet veröffentlicht hat. Allerdings, so Moser weiter, sei es wegen der zu erwartenden Änderungen im Zuge der Ressortabstimmung unwahrscheinlich, dass der Kabinettsbeschluss mit dem Entwurf vom Mai identisch sei.

In dem von der DG ins Internet gestellten Referentenentwurf zum Anti-Diskriminierungsgesetz des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend kommen Menschen mit Behinderungen zwar vor, doch die Rechte sind lange nicht so umfassend, wie es die Betroffenen fordern. Die Aktion Mensch veröffentlichte daraufhin eine barrierefreiere Versionen des ADG-Entwurfs.

Das Dokument steht in folgenden Versionen zur Verfügung:

Via Behindertenparkplatz: Im Frühjahr kamen wir kaum nach mit der Berichterstattung über die vielen vollzogenen Relaunches. Den Sommer über war es eher ruhig, aber nun scheint es so, als ob auf einmal wieder jeder mit einem Relaunch (oder dem Relaunch des Relaunches) glänzen wollte. Als da wären:

  • Die Hamburger Firma Gebärdenwerk informiert uns darüber, dass man die Seiten einer grundlegenden Renovierung unterzogen hat. Gebärdenwerk ist ein Dienstleister, der sich auf die Erstellung von Videos in Deutscher Gebärdensprache (DGS) spezialisiert hat. Doch nicht nur Menschen, die Gebärdensprache verstehen, kommen auf ihre Kosten: So sind sämtliche Inhalte der Gebärdenvideos auch in sehr sauber strukturiertem Text über einen einfachen Umschalter zu erreichen. Die einmal getroffene Auswahl (Text oder Video) wird bei einem Wechsel zu anderen Seiten innerhalb des Angebots »mitgeschleppt«. Großes Lob an den Entwickler der Seiten.
  • Auch die Anbieter großer Portale erkennen so langsam die Vorteile, die standardkonformer, schlanker und barrierearmer Code mit sich bringt. Web.de ist schon fertig mit der Umsetzung und kommt nun viel aufgeräumter daher, Yahoo.com befindet sich dem Vernehmen nach noch in der letzten Beta-Runde.
  • Sehr verhaltene PR macht das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das als Bundesbehörde auf die strikte Einhaltung der BITV verpflichtet ist. Auch hier wurde in dieser Woche eine Neugestaltung verkündet, gleichzeitig aber ganz deutlich dabei gesagt, dass es sich um einen laufenden Prozeß handelt, in dem die einzelnen Punkte nach und nach abgearbeitet werden.

Bisher waren es immer nur die unabhängigen Publikationen, Weblogs und vereinzelt auch kommerzielle Anbieter, die bei aktuellen Relaunches auch die Barrierefreiheit berücksichtigten. Seiten, die selbst Behinderung zum Thema hatten – insbesonders von staatlicher Seite und Verbänden – glänzen aber immer noch durch die vollständige Abwesenheit von Gestaltung, Hand in Hand mit einer Codebasis aus dem letzten Jahrtausend.

Beim neu an den Start gegangenen Informationsportal »Leben mit Behinderungen in NRW« hingegen stimmt wirklich alles: die technische Zugänglichkeit ist durch sauberen Code gegeben, die Informationen werden sehr gut strukturiert und nachvollziehbar angeboten und der Deckel ist richtig hübsch. Der nötige Spagat, die unterschiedlichen und teilweise widersprüchlichen Bedürfnisse der verschiedenen Behinderungsformen unter einen Hut zu bringen scheint sehr gut gelungen.

Wenn Sie schon auf den Seiten sind: die zum Download angebotene Broschüre »Gehörlos, aber nicht sprachlos« (PDF) ist wirklich sehr lesenswert und räumt mit vielen Vorurteilen und Mythen auf, die sich um die Gehörlosigkeit ranken.

Das Zentralorgan des Silicon Valley berichtet über Barrieren, denen behinderte Nutzer täglich im Web gegenüberstehen: Surfing in the dark - The web is still full of roadblocks for disabled.

Leider geht auch dieser Artikel wieder nur am Rande auf die wirklichen Probleme ein und reduziert die Barrierefreiheit auf ein technisches Problem, das mit technischen Mitteln behoben werden könnte. Die wesentlich gravierenderen inhaltlichen Hürden, mit denen unerfahrene Nutzer, Migranten und Nicht-Muttersprachler, Menschen mit Lernbehinderung oder Dyslexie oder auch gehörlose Menschen konfrontiert werden, fallen wie üblich unter den Tisch.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Artikel die Direktorin der WAI, Judy Brewer mit den folgenden Worten zitiert: Ob jemand nun taub ist, motorisch oder kognitiv behindert, die Bedürfnisse und Lösungen ergänzen sich. Dem möchte man ein fröhliches So ein Quatsch! entgegenschmettern – verleitet die Aussage doch bei oberflächlicher Betrachtung zum vorschnellen Trugschluss, dass Barrierefreiheit nur etwas mit Alternativtexten für Screenreader zu tun hätte.

Einem Menschen, der seit seiner Kindheit in Gebärdensprache kommuniziert, ist mit diesen Alternativtexten nur bedingt geholfen. Einem ausschließlich motorisch behinderten Menschen ist es herzlich egal, wie sich die Seiten mit einem Screenreader anhören. Einem lernbehinderten Nutzer bleibt die spezielle Semantik bestimmter HTML-Tags wohl verborgen und unerfahrene User scheitern schon an simplen Konzepten, die in den Richtlinien gar nicht bedacht sind.

Barrierefreiheit als One Size fits All führt in die Sackgasse, wenn man nur einen Ausschnitt der Problematik berücksichtigt.

Das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) möchte seine Website gerne für alle Bürger zugänglich anbieten. In einem Pilotprojekt wurden neulich bereits einige Inhalte in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) übersetzt und als Video angeboten. In einem weiteren Schritt sollen nun die Inhalte auch Menschen mit Leseschwäche oder geringen Deutschkenntnissen vermitttelt werden. Um deren Bedürfnisse besser zu verstehen und die optimale Lösung anbieten zu können, hat das Ministerium nun einen Fragebogen ins Netz gestellt: Anonymer Fragebogen zu »Das Internet hören«. Der Fragebogen kann bis zum 31. Juli 2004 beantwortet werden, dann erfolgt die Auswertung, die ebenfalls im Internet veröffentlicht wird.

Die Obsession der WCAG-Arbeitsgruppe, alle Inhalte im Netz auf reinen Text reduzieren zu müssen ist nicht nur Webentwicklern seit langem ein Dorn im Auge. So auch Kevin Leitch, der in seinem Artikel »WCAG and the Myth of Accessibility« einmal die Fakten und Zahlen zurecht rückt.

Die Argumentation, dass die in weiten Teilen rein technisch orientierten Vorgaben zur Barrierefreiheit viele neue Hürden für andere Benutzergruppen aufbauen, ist dabei durchaus nachvollziehbar. Das liegt zum einen an der Struktur der Richtlinien, denn die weitestgehend maschinell zu erledigen Vorgaben aus den WCAG 1.0 A und AA (bzw. BITV Prio. 1) begünstigen hauptsächlich Gruppen von Benutzern, bei denen die Barrierefreiheit ein rein technisch zu lösendes Problem darstellt.

Menschen, die visuell kommunizieren müssen, ist aber mit einem Textäquivalent in einer für sie hochkomplexen Schriftsprache nicht unbedingt geholfen. Da die Richtlinien aber viele Möglichkeiten, diese Gruppen zu bedienen unterbinden oder doch zumindest erschweren (diese also nur mit erhöhtem Aufwand einsetzbar sind), werden durch eine Barrierefreiheit, die sich auf die Mindestvorgaben beschränkt, unter Umständen mehr Nutzer ausgeschlossen als zusätzlich bedient.

Via taubenschlag.de: Wir Gehörlosen (Idee: Benedikt Feldmann (gl), Verwirklichung: Karin Kestner) soll gehörlosen und schwerhörigen Erwachsenen und Kindern ein Forum geben, um über ihr Leben zu berichten. Der Thematik angemessen geschieht dies natürlich per Video in der Deutschen Gebärdensprache (DGS). Für alle die Mühe haben, das gesagte zu verstehen, gibt es aber auch Übersetzungen in die Schriftsprache.

Die letzte Woche gemeldete Veröffentlichung einer Studie der britischen Disability Rights Commission war zwar einerseits ganz nett (der Webcast wurde simultan in die Britische Gebärdensprache BSL übersetzt), andererseits hat sie aber auch grundlegende Mängel im Verständnis der etablierten Standards und der Funktionsweise des Webs offenbart. So hat das W3C die geäußerte Kritik an den eigenen Standards bereits zurückgewiesen und, wie wir meinen, zu Recht darauf verwiesen, daß viele Hürden auch durch inadäquate Hilfsmittel entstehen, die nicht den User Agent Accessibility Guidelines (UAAG) entsprechen. Auch kann die Verantwortung für eine weitestgehende Barrierefreiheit nicht zu 100 Prozent den Anbietern in die Schuhe geschoben werden, solange die meisten Anwendungen zur Erstellung und Pflege von Webinhalten noch nicht einmal in die Nähe einer Erfüllung der Authoring Tool Accessibility Guidelines (ATAG) kommen. Mehr dazu bei webstandards.org, outlaw.com und The Register.