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Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

Barrierefreies Internet ist ein Schlüssel für die Modernisierung der Verwaltung / Behörden vernetzen sich neu / Überarbeitete BITV im Abstimmungsprozess / BIENE-Wettbewerb zeigt Leuchtturmlösungen

Web 2.0 – Kaum ein Begriff bestimmt die Diskussion um die von den Möglichkeiten neuer Internettechniken ausgelösten Veränderungen wie diese Wortschöpfung des Verlegers Tim O´Reilly. Die Versionsnummer »2.0« hat sich als Metapher für alles etabliert, was neu ist. Auch vor der öffentlichen Verwaltung macht der modische Zusatz nicht Halt.

So nennt die Bundesregierung einen Teilbereich ihres strategischen Programms »Zukunftsorientierte Verwaltung durch Innovationen« schlicht E-Government 2.0. Und das ist mehr als ein modischer Begriff: Hinter der griffigen Formulierung steckt ein grundsätzlicher Wandel. »E-Government ist heute keine Serviceleistung de luxe mehr, sondern eine schlichte Selbstverständlichkeit. (…) In den Zeiten von Web 2.0, sozialen Netzwerken im Internet und nutzergenerierten Internetangeboten ist eben auch der Staat ganz neuen Erwartungen ausgesetzt. Bürgerinnen und Bürger wollen an den Entscheidungsprozessen in Politik und Verwaltung elektronisch beteiligt werden.« Mit diesen Worten unterstrich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble anlässlich der Behördenleitertagung der Bundesbehörden am 30. September 2008 eindrücklich, vor welchen Zukunftsaufgaben die öffentliche Verwaltung steht.

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Auch der Zukunftsreport »Die öffentliche Verwaltung im Jahr 2020«, eine Expertenbefragung der Prognos AG, sagt voraus, dass die moderne Informationstechnik die Interaktion zwischen Politik, Verwaltung und Bürger auf den Kopf stellt. Neben einer stärkeren Bürgerbeteiligung erwarten die befragten Experten auch neue Kooperationsformen zwischen den Behörden.

Verwaltung 2.0 – Erste Erfolge werden sichtbar

So vielversprechend diese Zukunftsmusik auch klingt – die Praxis sieht derzeit noch anders aus. Nach Angaben des Branchenverbands BITKOM nutzten ausweislich der EU-Statistikbehörde im Jahr 2007 lediglich 17,1 Prozent der Deutschen das Internet, um ausgefüllte Formulare an öffentliche Stellen zu schicken. Nur jeder Vierte (26,1 Prozent) lud amtliche Formulare aus dem Netz aber immerhin vier von zehn Deutschen (39,1 Prozent) informierten sich auf den Webseiten öffentlicher Stellen. Kein Wunder, dass BITKOM-Präsident Prof. August-Wilhelm Scheer anlässlich einer Fachmesse im November 2008 resümierte: »Es fehlt die Interaktion Staat – Bürger. Die öffentliche Hand ist noch nicht im Web 2.0 angekommen.«

Dennoch, so Scheer, gäbe es auch positive Beispiele. Einige davon stellt der BITKOM in einem neuen Leitfaden »Web 2.0 für die öffentliche Verwaltung« vor (PDF zum herunterladen (2 MB)). Darunter ein Portal der Stadt Köln, über das sich die Bürger der Stadt an der Haushaltsplanung beteiligen können, und ein Wiki des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), das im Rahmen der Erarbeitung der »E-Government Strategie für Teilhabeleistungen und Belange behinderter Menschen« eingesetzt wird.

Ohne Barrierefreiheit kein umfassendes E-Government

Gerade beim letztgenannten Projekt verbinden sich aus Sicht von Menschen mit Behinderungen die zwei zentralen Handlungsstränge E-Government und Barrierefreiheit. In beiden Bereichen spielt neben dem Bundesministerium des Innern das BMAS eine wesentlich Rolle, denn die Strategie für Teilhabeleistungen und Belange behinderter Menschen ist ein wichtiger Baustein zur Umsetzung zentraler Aktionsprogramme der Bundesregierung, darunter das Aktionsprogramm im Bereich der Integration öffentlicher Dienstleistungen »iD 2010 - Informationsgesellschaft Deutschland 2010« und vor allem die Maßnahmen zum bedarfsorientierten E-Government-Ausbau des Programms »E-Government 2.0« (Projekt 1.2.14 Nutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit). Damit spielt die Barrierefreiheit auf Ebene des Bundes in zentralen Bereichen eine Schlüsselrolle für die Verwaltungsmodernisierung und bildet einen Meilenstein auf dem Weg zu einem modernen E-Government in Deutschland.

Insgesamt hat das BMAS sechs Handlungsfelder identifiziert, die es in den kommenden Jahren bis 2012 gezielt ausbauen will, um die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung durch E-Government-Dienstleistungen zu fördern. Dazu gehören unter anderem ein qualitativer und quantitativer Ausbau der Breitbandinfrastruktur sowie der Aufbau eines bedarfsorientierten und umfassenden Portals für die Belange behinderter Menschen. Damit will die Bundesregierung im Sinne eines »One-Stop-Shops« eine zentrale, nutzerorientierte Anlaufstelle schaffen. Außerdem plant das Ministerium den gezielten Auf- und Ausbau nutzerorientierter E-Government-Dienstleistungen der (Sozial)Verwaltung sowie von Angeboten, die die gesellschaftliche Teilhabe von behinderten Menschen in den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung etc. sicherstellen sollen. Dabei sollen jeweils Web 2.0-Applikationen einbezogen werden, damit sich behinderte Menschen vernetzen, darstellen, austauschen und partizipieren können. Insbesondere mit Blick auf die Nutzung des »Persönlichen Budgets« verspricht sich das BMAS durch eine zentrale Bereitstellung eines entsprechenden Marktplatzes eine deutliche Verbesserung für die Nutzerinnen und Nutzer.

Als zweites großes Projekt hat das Ministerium seit 2007 die federführende Rolle bei der Weiterentwicklung der Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung, BITV, übernommen. Erklärtes Ziel ist es, internationale Standards, insbesondere die »Web Content Accessibility Guidelines 2.0 - WCAG 2.0« zu berücksichtigen (siehe auch separaten Artikel dazu). Nach inoffiziellen Aussagen ist die BITV »2.0« auf der Zielgeraden. In den kommenden Wochen soll sie zum Beispiel mit den Organisationen der Menschen mit Behinderung final abgestimmt werden.

BIENE – Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal

Profitiert hat die Überarbeitung der BITV auch vom Forschungsfreisemester der BIENE – dem Wettbewerb für die besten barrierefreien deutschsprachigen Web-Seiten. Am Wettbewerb, einem Projekt der Aktion Mensch und der Stiftung Digitale Chancen, haben sich seit 2003 mehr als 1.000 Unternehmen und Organisationen, Behörden und Ministerien, Städte und Gemeinden sowie Vereine und Verbände aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol beteiligt. Seit der ersten Ausschreibung der BIENE im Jahr 2003 haben die Veranstalter das mehrstufige, wissenschaftlich begleitete Bewertungsverfahren zur Überprüfung der Barrierefreiheit kontinuierlich weiter entwickelt – zuletzt vor allem mit Blick auf Web 2.0-Angebote.

Unter anderem wegen dieses fundierten Verfahrens hat sich die BIENE bei Anbietern und Agenturen als Qualitätsmerkmal etabliert und auch den politischen Prozessen wichtige Impulse gegeben. So sind beispielsweise die durch den Fachlichen Beirat des Wettbewerbs erarbeiteten Kriterien sowohl in den Entwurf der Weiterschreibung der BITV als auch in die neue WCAG 2.0 eingeflossen. Unter den zukünftigen Gewinnern der BIENE werden deshalb sicher wieder Leuchttürme zu finden sein – nicht nur für die Barrierefreiheit, sondern auch für die barrierefreie Interaktion von Bürgern und Behörden in den Zeiten von Web 2.0.