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Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

Für Menschen mit Behinderungen baut das Web 2.0 vor allem soziale Barrieren ab. Das ist eine der Kernaussagen aus den einleitenden Expertengesprächen der ersten Studie zur Nutzung des Web 2.0 durch Menschen mit Behinderung. In den vergangenen Wochen haben die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen dazu insgesamt zehn Expertinnen und Experten aus dem Bereich der Behindertenhilfe und -selbsthilfe sowie -forschung befragt.

Konkrete Ansätze für die Barrierefreiheit 2.0 werden die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen im kommenden Jahr vorstellen. Am 5. Mai 2008, dem europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, wollen sie die Studienergebnisse im Rahmen eines Fachkongresses präsentieren. Dort fällt dann auch der Startschuss für den BIENE-Wettbewerb 2008. Bevor es soweit ist, werden bis Ende 2007 die Ergebnisse der Expertengespräche in Gruppeninterviews mit Internet erfahrenen behinderten Nutzerinnen und Nutzern vertieft. Auf dieser Grundlage entwickeln die Projektpartner anschließend eine Nutzerbefragung, an der sich möglichst viele Menschen mit Behinderung beteiligen sollen.

Die Expertengespräche bestätigen uns, dass wir den richtigen Ansatz gewählt haben, um herauszufinden, wie Menschen mit Behinderungen mit dem Web 2.0 umgehen und wie sie davon profitieren können, sagt Iris Cornelssen, die bei der Aktion Mensch für die Studie verantwortlich ist. Außerdem wird deutlich, dass Barrierefreiheit eine zentrale Zukunftsaufgabe ist, um das so genannte soziale Web auch wirklich für alle zu öffnen. Wie das möglich ist, wollen wir nun mit Hilfe der weiteren Untersuchungen zeigen, unterstreicht Cornelssen den Anspruch der Studie.

Von der digitalen zur realen Veränderung

Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen, betont vor allem die Chancen, die sich aus den neuen Internettechniken für Menschen mit Behinderungen ergeben: Ein ganz entscheidender Vorteil der digitalen Kommunikation ist, dass die individuellen Interessen im Mittelpunkt stehen und beispielsweise nicht eine sichtbare Behinderung. Das Internet an sich baut hier bereits Barrieren ab. Und die erweiterten Interaktionsmöglichkeiten der Web 2.0-Angebote können auch die soziale Realität verändern: Der Freundeskreis erweitert sich individuell und Kontakte bleiben nicht mehr nur auf Verbände oder Selbsthilfegruppen beschränkt.

Spezifische Angebote gewünscht

Ausdruck des Wunsches nach Beteiligung und einer stärkeren Individualisierung ist nach Einschätzung der Experten auch, dass Nutzerinnen und Nutzer zunehmend nach Angeboten suchten, die sowohl barrierefrei als auch spezifisch auf die jeweilige Behinderungsart zugeschnitten sind. So seien beispielsweise gehörlose und hörgeschädigte Menschen sehr an einer verbesserten Infrastruktur mit höheren Upload-Raten interessiert, um die Kommunikation mit Gebärdensprachvideos oder Videokonferenzen zu erleichtern. Bei Menschen mit motorischen Behinderungen seien unter anderem leicht zugängliche Alternativen zur ausschließlichen Tastatur- bzw. Mausbedienung besonders gefragt, während blinde und sehbehinderte Menschen vor allem von klar strukturierten Seiten und Inhalten profitierten. Gemeinsame Basis – da sind sich die Experten einig – müssten jedoch Angebote sein, die zunächst grundsätzlich barrierefrei sind, bevor sie die Interessen spezifischer Nutzergruppen bedienten. Genau solche Angebote gäbe es aber noch viel zu selten, weil viele Anbieter die technischen Möglichkeiten des Mitmachwebs noch nicht nutzten, um ihre Internetseiten auch für Menschen mit Behinderung attraktiv zu machen.

Barrierefreiheit als Zeichen der Kundenorientierung

Für Iris Cornelssen ist es angesichts der rund 8 bis 10 Millionen Menschen in Deutschland, die mit einer oder mehreren Behinderungen leben, nicht nur eine Frage der gesetzlichen Verpflichtung, sondern der Wirtschaftlichkeit und Kundenorientierung, ein Web-Angebot barrierefrei zu gestalten: Die meisten erfolgreichen Internetangebote zeichnen sich dadurch aus, dass sie für die Anwender leicht bedienbar sind. Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs können es sich Unternehmen gar nicht leisten, bestimmte Nutzergruppen auszuschließen.

Über den wirtschaftlichen Bereich hinaus ergeben sich vor allem auch im politischen Bereich neue Schnittstellen und entsprechende Chancen, unterstreicht Jutta Croll die Bedeutung des barrierefreien Zugangs zu Web 2.0-Angeboten. Das beginnt bei digitalen Behördengängen, geht über politische Diskussionsforen und Portale bis hin zu einer deutlich aktiveren Bürgerbeteiligung, wenn Bund, Länder und Kommunen bei ihren Entscheidungen sowohl das Verfahren als auch die entsprechenden Dokumente vollumfänglich und barrierefrei publizieren. Das Ziel im Web 2.0 muss daher Barrierefreiheit 2.0 heißen.