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Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

Die technische Basis vieler Computer-Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung stammt aus Zeiten, als der Kanzler noch Kohl hiess. Da verwundert es nicht, dass diese oftmals ihre lieben Nöte mit moderneren Techniken der Webentwicklung haben. Ein paar Beispiele: viele Screenreader »raten« anhand des gerenderten Bildschirmbildes, was dahinter im Quelltext passiert (daher rühren dann die Probleme mit dynamischen Inhalten); gängige Lupenprogramme skalieren Bildschirmpixel und versuchen diese zu glätten, statt Vektor-Informationen zu benutzen (was bei starken Vergrößerungsfaktoren zu unleserlichem Text führt) usw. Die Umsetzung der »User Agent Accessibility Guidelines« (UAAG) in den verbreiteten Browsern lässt ebenfalls zu wünschen übrig, sodaß die Hilfsmittel leider nach wie vor darauf angewiesen sind, durch Erraten aus Murks-Code das Beste herauszuholen (was oftmals dazu führt, dass sauberer Code falsch verstanden wird).

In Zeiten Web-basierter Applikationen wird es jedoch für Hilfsmittel immer wichtiger, auf die Accessibility-Schnittstellen der jeweiligen Betriebssysteme zu setzen, über die sie mit Informationen zu Strukturen und Inhalten, Rollen und Zuständen von Bedienelementen etc. versorgt werden. Nur so kann aus Sicht der Anbieter und Nutzer ein konsistentes Verhalten einer Anwendung auch in den verbreiteten Computer-Hilfsmitteln gewährleistet werden.

Wo diese Schnittstellen unterdokumentiert oder lückenhaft sind (wie im Falle MSAA) könnte ein neues API namens IAccessible2 helfen, das von IBM entwickelt wurde und über die Free Standards Group allen interessierten Hilfsmittel-Herstellern zur Verfügung gestellt wird. Der Code fungiert quasi als Zwischenebene und ermöglicht es damit auch, die Anwendungen einfacher auf andere Plattformen zu portiern. Bereitgestellt werden Funktionen, die bisher für Hilfsmittel nicht zugänglich waren, oder die für Programmierer nur über unschöne Hacks zu erreichen waren (was dann z.B. zu den berüchtigten Abstürzen bei Kollisionen der Grafikkarten-Treiber führt und verhindert, dass man bestimmte Hilfsmittel gemeinsam auf einem Rechner betreibt).

Aus Webentwickler-Sicht besonders interessant ist, dass hiermit auch die WAI-ARIA Roadmap in Hilfsmittel und Browser implementiert werden kann, ohne dafür die gesamte Anwendung umzuschreiben. Da namhafte Hersteller wie Freedom Scientific, GW Micro, IBM, das Mozilla Project, Oracle, SAP und Sun bereits ihre Unterstützung zugesagt haben kann man in Zukunft damit rechnen, dass Webapplikationen auch mit heute noch problematischen Hilfsmitteln genutzt werden können.

Weitere Berichterstattung zum Thema bei Golem: »IAccessible2 für mehr Barrierefreiheit« sowie bei der Linux Foundation: »The Free Standards Group to Standardize New Accessibility Interfaces«.