BIENE 2006 – Rede von Johnny Haeusler

Rede von Johnny Haeusler anlässlich der Verleihung der BIENE 2006 am 8. Dezember 2006 in Berlin.

08.12.2006

Es gibt einen Mann hier unter uns, für den ist Internet auch ein ganz großes Thema. Sie kennen ihn vielleicht, weil ihm der Weblog Spreeblick gehört oder er hat den ins Leben gerufen. Er ist also einen der vielen Blogger und wurde in diesem Jahr auch mit dem ›Grimme Online Award Spezial‹ ausgezeichnet für kreative Leistung, Gestaltung und Textqualität. Bitte begrüßen Sie jetzt mit mir Johnny Häusler. [Applaus]

Als ich vor 15 Jahren begann, das Internet zu nutzen, war es ausschließlich Text-basiert. Bunte Bilder, Flash-Animationen – das alles gab es noch nicht, denn es gab nicht mal das Web so wie wir es heute kennen. Zu dieser Zeit Anfang der 90er also diskutierte ich in so-genannten Newsgroups – das war damals so das was heute die Diskussionsforen sind – mit Menschen der ganzen Welt über meine Lieblingsthemen: Comics, Musik, Technik, Onomasiologie. Die Diskussion über das letzte wurde relativ schnell bedeutungslos. Wissen Sie, was Onomasiologie ist? Das ist Bedeutungslehre – deswegen war das gerade so ein kleiner Scherz.

Ja, jedenfalls durch eine dieser Musikdiskussionen angeregt, entstand damals eine ziemlich rege Mail-Diskussion zwischen einem Amerikaner und mir und wir haben einfach über Musik geplaudert, über das was uns interessiert und als ich nach einigen Dutzend Mails den Mann auf das Design eines bestimmten Plattencovers ansprach – damals gab es noch Plattencover, die nicht iPod hießen – schrieb er mir zurück in einer »Mail«: »Darüber kann ich nicht so viel sagen, ich bin blind«. Und diese eine Zeile hat mich tagelang beschäftigt. Und zwar nicht deswegen, weil der Mann blind war und weil ich das nicht vorher wusste, sondern weil sie mir die revolutionären Möglichkeiten dieses neuen Kommunikationsmediums namens Internet besonders drastisch vor Augen führte.

Denn hätte unsere Kommunikation im ›echten‹ Leben stattgefunden, hätte die Blindheit des Mannes – vorausgesetzt ich hätte sie erkannt – möglicherweise vor allen anderen Themen gestanden. So aber – durch den reinen text-basierten von unseren Körpern, unserer Mimik, unseren Gesten losgelösten Austausch – redeten wir ausschließlich über das, was uns aktuell bewegte. Und es war völlig egal ob ich weiß oder schwarz, schwul oder hetero war, und es war völlig egal, ob dieser Mann jung oder alt oder blind war oder im Rollstuhl saß. Es war letztendlich sogar egal, ob der Mann ein Mann war.

Wenn wir also heute über soziale Netzwerke reden, über das Web 2.0, das zwar auf der einen Seite in Bezug auf Blog-Software zum Beispiel schon relativ barrierefreien Code erzeugt ohne dass man selber noch mal dran muss, auf der anderen Seite aber auch mit neuen Technologien daherkommt, die wiederum Menschen aus der Kommunikation ausschließen könnten, dann sollten wir eine enorm wichtige Tatsache nicht aus den Augen verlieren: Während wir im realen Leben nämlich, in dieser Gesellschaft der schönen, jungen, perfekten und daueragilen Menschen leider immer wieder erneut um die Integration von Menschen mit Behinderungen kämpfen müssen, ist es in der virtuellen Welt eigentlich gar nicht nötig.

Denn wenn schon nicht alle, dann wenigstens einige derjenigen Menschen, die mit Behinderungen leben, sind schon immer ganz normaler Teil dieser Online-Welt gewesen. Sie gehören dazu so wie es sein sollte. Falls eine Behinderung in der realen Welt sichtbar ist und falls dies bei der Kommunikation mit Dritten im Wege steht, entfällt diese Hürde eigentlich in der Online-Welt, in der wir uns hauptsächlich durch geschriebene Worte und Gedanken austauschen und in der wir uns alle – wenn wir wollen – sogar neu definieren und komplett neu erfinden können.

Also kann es im besten Fall – übrigens nicht nur für Menschen mit Behinderungen – leichter sein als in der realen Welt mit anderen Mitmenschen aber auch mit Dienstleistern in Kontakt zu treten und an einer weltweiten Kommunikation teilzuhaben. Wir müssen im Online-Bereich also weniger dafür sorgen, dass integriert, eingeschlossen wird. Wir müssen nur dafür sorgen, dass nicht aktiv ausgeschlossen wird – und das sollte eigentlich selbstverständlich und eigentlich auch viel leichter sein.

Es ist schön zu sehen [Applaus] – Dankeschön – es ist schön zu sehen, dass viele Website-Betreiber ähnlich über diese Dinge nachdenken und ich gratuliere schon jetzt den Gewinnern. Ich kenne sie gar nicht. Und ich hoffe dass sie ein Beispiel für andere Sites und andere Anbieter sind.

Vor allem aber wünsche ich allen Anwesenden einen tollen Abend hier im E-Werk.

Dankeschön
[Applaus]