Das Internet – künftig für alle zugänglich

Gerade Menschen mit Behinderung eröffnet das Internet großartige Möglichkeiten. Es gibt keine Stufen, die unpassierbar wären für Rollstühle, keine unverständlichen Ansagen für Schwerhörige, Ertaubte oder Gehörlose. Technische Hilfsmittel lassen auch Blinde an den Angeboten und Informationen der Internetwelt teilhaben. Surfen ohne Hürden und Hindernisse könnte alle miteinander verbinden. Doch bislang stoßen Menschen mit Behinderung auch im Netz auf Barrieren allerorten.

Tags: , , ,

Autor: fjh

Ich nutze das Internet nicht so sehr zum Spielen oder zur Unterhaltung, sondern als Informationsquelle. Und da ärgert mich oft der ganze Schnickschnack mit JavaScript oder verschachtelten Frames. Ganz konkret sind es zum Beispiel Landkarten, in die man klicken muss, will man etwas über die Aktivitäten des Anbieters an einem bestimmten Ort erfahren. Das sieht vielleicht gut aus, schließt aber blinde und sehbehinderte User wie mich von der Information aus. Dabei sind attraktives Webdesign und Barrierefreiheit locker miteinander zu vereinbaren. Kein Webdesigner muss auf Spielereien oder optische Elemente verzichten. Wir wollen ja keine Extrawurst. Uns geht es um Integration.

Jens Bertrams von ›Behinderte in Gesellschaft und Beruf e.V.

Ich suche eine Busverbindung und logge mich deswegen ins Internet ein. Den Taschenfahrplan kann ich nämlich nicht lesen, weil ich blind bin. Aber im Internet surfen ist – dank der modernen Hilfsmittel – kein Problem. Denkste! Die Fahrplanauskunft ist zwar im Internet erreichbar, doch die Seiten sind nicht barrierefrei. Grafiken zeigen den sehenden Userinnen und Usern, wohin sie klicken müssen. Aber diese Piktogramme sind leider nicht mit Text unterlegt. Und wenn ich auf Verdacht einfach irgendwo hinklicke, sagt mir mein sprechender Computer, dass mein Textbrowser diese «JavaScript»-Anwendung nicht unterstützt.

Hilfsmittel weisen den Weg

Dabei eröffnet das Internet gerade Menschen mit Behinderungen bisher ungeahnte Möglichkeiten. Dank des weltweiten Datennetzes können mobilitäts- und sinnesbehinderte Menschen vom heimischen Computer aus bequem Erledigungen vornehmen, die Barrieren im Alltag ihnen sonst versperren. Gehörlose können am Bildschirm Nachrichten oder andere Informationen lesen, abrufbar zu jeder beliebigen Zeit. Menschen ohne Hände können ihren PC durch Spracheingabe mit Hilfe eines Mikrofons steuern.

Für Gehörlose ergeben sich dann Schwierigkeiten, wenn Informationen nur über den akustischen Kanal, auch bei Real Videos ohne Untertitel, vermittelt werden. Trotzdem ist das Internet als visuelles Medium eine ideale Plattform für Schwerhörige und Ertaubte. Daher ist es besonders wichtig, dass das Internet als Kommunikationsmedium barrierefrei zur Verfügung steht, da es immer mehr eine zentrale Rolle in der Kommunikation hörbehinderter Menschen spielt.

Bernd Rehling von www.taubenschlag.de, Infozentrum und Treffpunkt für Hörgeschädigte im Internet.

Infos lesbar auch für Blinde

Menschen mit Sehbehinderungen können Schriftgröße und -farbe auf Spezialbildschirmen nach ihren persönlichen Bedürfnissen einstellen. Sprachsynthesizer geben Blinden den Bildschirminhalt akustisch wieder; so genannte »Braillezeilen« (benannt nach dem französischen Blindenlehrer Louis Braille) setzen die Informationen in Tastschrift um.

Kleine Ursachen – große Wirkung

Probleme bereiten Blinden Bilder und Grafiken, die nicht mit Text unterlegt sind, ineinander verschachtelte »Frames« (Rahmen) und die – für den gängigsten Blinden-Browser »Lynx« unlesbaren – JavaScripte. Web-Seiten mit Textunterlegung für Bilder und Piktogramme, einer Alternativführung bei »Frames« und ohne Anwendung der Programmiersprache »JavaScript« sind nicht nur für Menschen mit Sehbehinderungen barrierefrei – beispielsweise brauchen auch die Suchmaschinen solche Seiten, um deren Inhalte einlesen zu können.

Was mich am Internet so begeistert, ist die Möglichkeit, unvoreingenommen mit Menschen kommunizieren zu können. Beim Chatten sieht man sich ja nicht. Niemand weiß, wie der andere aussieht, ob er zum Beispiel behindert ist oder nicht. Man achtet nur auf das, was jemand zu sagen hat. So begegnet man sich ganz ohne Vorurteile.

Harald Reutershahn vom Online-Magazin »Forum« des Clubs Behinderter und ihrer Freunde in Frankfurt.

Dabeisein ohne das Etikett: behindert

Wer über einen Online-Anschluss verfügt, kann dort – unabhängig von Art und Schwere seiner Behinderung – Informationen abrufen, Mails versenden oder empfangen, bei Online-Foren mitdiskutieren und auch selbst eigene Seiten ins Netz stellen. Kein persönlicher Kontakt muss dabei hergestellt werden, und so merkt niemand, ob sein Chat-Partner im Rollstuhl sitzt, der Beitrag im Diskussionsforum von einem Hörbehinderten stammt oder der Absender einer Mail blind ist. Im Web bleibt es jedem selbst überlassen, ob er seine Behinderung preisgibt oder nicht – im Internet sind alle gleich.

Die Wünsche und Erwartungen behinderter und chronisch kranker Menschen an das Internet unterscheiden sich im Prinzip nicht von denen aller User: Seiten sollen schnell geladen werden können, sie sollen übersichtlich sein und Informationen ohne Umwege bieten. Und: Sie sollen auf allen Geräten funktionieren.

Wolf Dietrich Trenner von www.selbsthilfe-online.de und der Fördergemeinschaft Taubblinder e.V..

Ohne Hürden ein ideales Medium

Der Anteil von behinderten Menschen an der Userschaft ist sehr hoch; er liegt deutlich höher als ihr jeweiliger Anteil an der Altersgruppe, die sonst das Internet nutzt. Auch die Behindertenorganisationen waren schon früh mit eigenen Web-Seiten im Netz vertreten. Über die kostengünstigen E-Mails können sich auch Menschen mit sehr seltenen Behinderungen austauschen. Die Vielfalt der Informationen im Internet bietet Rat und Hilfe zu chronischen Krankheiten oder Behinderungsarten, die nicht in jeder Region vertreten sind. So ist das Internet eine ideale Plattform für die Selbsthilfe von Menschen mit Behinderungen, ihre Angehörigen und Freunde.