Wie man sieht, dass eine Website barrierefrei ist?

Gar nicht. Das ist ja das Schöne!

»Beim Thema Barrierefreiheit denken viele an das Absenken von Bürgersteigen«, sagt Fritz G. Ramsaier, Leiter des Versorgungsamtes Freiburg. »Es geht aber auch um die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen an der Informationsgesellschaft.« Viel zu oft noch stoßen Menschen mit Behinderung auf Webseiten, die für sie nicht nutzbar sind. Sei es, weil ihr Browser keine Frames unterstützt, Informationen nicht in Gebärdensprache abrufbar sind oder Bilder nicht mit Texten unterlegt sind.

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Stand: 22.03.2004, Autorin: ic

Für Webangebote der Bundesverwaltungen allerdings ist die Barrierefreiheit Pflicht. Bis Ende 2005 haben sie Zeit, ihre Internet-Auftritte so zu gestalten, dass sie auch von Menschen mit Behinderung uneingeschränkt benutzbar sind. Die Durchführung regelt die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BITV). Entsprechende Verordnungen und Gesetze auf kommunaler und Länderebene sind bereits in Vorbereitung.

Fritz G. Ramsaier hat schon jetzt die Initiative ergriffen - und dabei ganz auf die Kompetenz in seiner Behörde gebaut. »Die Webpräsenz der Versorgungsämter in Baden-Württemberg haben wir komplett selbst entwickelt. Es wurden keine zusätzlichen Steuergelder verwendet.« Ein Mitarbeiter des Versorgungsamtes Heidelberg arbeitete sich in das Thema ein und gestaltete einen Internet-Auftritt, der sogar die Zugänglichkeitskriterien der BITV noch übertrifft. »Man muss nur die Kräfte wecken, die in einer öffentlichen Verwaltung stecken«, sagt der Behördenleiter. Selbst die fortlaufende Aktualisierung erfolgt hausintern. Die Besucher der Webpräsenz haben zudem jederzeit die Möglichkeit, die Seiten auf Barrierefreiheit zu testen. »Die Resonanz ist durchweg positiv.«

Diese Erfahrung hat auch das Düsseldorfer Innenministerium gemacht. Als erstes Bundesland richtete es für die Polizei eine Homepage ein, die für alle zugänglich ist. »Ich freue mich, dass Sie sich schon jetzt dem Thema Barrierefreiheit angenommen haben, obwohl es noch keine rechtliche Verpflichtung für Sie gibt«, heißt es in einer Mail. Bei der Webgestaltung achtete Projektleiter Guido Karl von Anfang an auf behindertengerechte Bedienbarkeit. Fachliche Unterstützung holte er sich bei betroffenen Usern, externen Fachleuten und mit der Thematik vertauten Kollegen. »Wir haben uns gesagt: Es gibt noch keine Vorschriften. Also richten wir uns nach den höchst möglichen Standards. Da sind wir auf der sicheren Seite.« Herausgekommen ist eine sauber programmierte, gut strukturierte und ansprechend gestaltete Website, die auch Anwendern assistiver Technologien, wie Screenreadern, leichten Zugang ermöglicht. Wichtige Inhalte sind zudem als Video in Gebärdensprache abrufbar.

Das hat auch die Jury des BIENE-Awards, einem Wettbewerb für barrierefreie Webgestaltung, den die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen im letzten Jahr erstmals ausgeschrieben haben, überzeugt. BIENE steht für »Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten«. In der Kategorie E-Government gewann das Polizeiportal NRW die goldene und die Homepage der Versorgungsämter Baden-Württemberg die silberne Biene. Beide Angebote bestanden nicht nur das Prüfverfahren auf Grundlage der BITV und anderer relevanter Zugänglichkeitskriterien, sondern auch die Praxistests mit betroffenen Nutzern. Von den 173 Bewerbern qualifizierten sich dafür nur 23 Anbieter.

Der Grund: »Vieles, was unter dem Etikett Barrierefreiheit angeboten wird, erweist sich bei näherer Betrachtung als unzureichend«, weiß Tomas Caspers, freiberuflicher Berater für barrierefreie Webgestaltung. Für die Anbieter oft ein böses Erwachen, haben sie doch nicht selten in teuere Technik investiert, wie beispielsweise in so genannte Content Management Systeme (CMS). CMS erleichtern das Einpflegen von Inhalten. Ein Sachbearbeiter braucht nur seinen Text einzutippen, die Umsetzung in das Weblayout erledigt die Technik. Aber die Sache hat einen Haken. »Die meisten CMS packen ihre Inhalte in konventionelle Layout-Schablonen, die nur mit beträchtlichem Aufwand - wenn überhaupt - barrierefrei umgebaut werden können« sagt der Webstandards-Experte Michael Charlier, der auch für die barrierefreie Gestaltung des Polizeiportals NRW verantwortlich war. »Diese konventionellen Verfahren vermengen Inhalt und Darstellung untrennbar miteinander.«

Die Folge: Eine Vorlesesoftware, wie Blinde oder stark Sehbehinderte sie oft einsetzen, kann den Inhalt nicht oder nicht sinnvoll wiedergeben. Doch das muss nicht sein. Webseiten, für die Inhalt und Gestaltung nach den aktuellen Standards (X)HTML und CSS getrennt voneinander »programmiert« worden sind, sind von fast allen erreichbar - unabhängig davon, ob sie assistive Technologien nutzen oder die Homepage auf mobilen Ausgabegeräten, wie dem Handy oder dem Auto-Bordcomputer, betrachten wollen. Erste zeitgemäße CMS sind durchaus in der Lage, solche standardkonformen Seiten zu verwalten.

Fritz G. Ramsaier und sein Team verzichteten hingegen ganz auf den Einsatz von CMS und ähnlichen Tools. »Diese Systeme produzieren komplizierte Quellcodes, die nur schwer durchschaubar sind«, erklärt der Behördenleiter. »Bei Personalwechsel kann es da schnell zu Problemen kommen.« Für die Programmierung haben sie daher XHTML und CSS eingesetzt und so ohne großen Aufwand eine saubere Trennung von Form und Inhalt des Internet-Auftritts erreicht - eine Grundvoraussetzung für die barrierefreie Webgestaltung. Doch egal, für welche Möglichkeit sich ein Anbieter entscheidet: »Es gibt keine hundertprozentige Barrierefreiheit«, sagt Guido Karl. »Man muss Kompromisse machen.« Es kommt also auf das Know-How der Programmierer und Designer an.

Behörden, die externe Experten beauftragen möchten, rät Tomas Caspers daher, sich vertraglich zusichern zu lassen, dass der Webauftritt barrierefrei gemäß BITV gestaltet wird. Dieses Verfahren hat auch handfeste wirtschaftliche Gründe erklärt Caspers: »Nur mit barrierefreien Angeboten können Behörden sicher sein, dass sie durch die Digitalisierung auch tatsächlich Kosten sparen. Denn wenn Behörden ihre Dienstleistungen nicht komplett online für alle zugänglich machen, müssen sie zusätzliches Personal für die offline Bearbeitung vorhalten.«

Was zu beachten ist, damit ein Internet-Angebot auch tatsächlich allen Menschen zugänglich ist, finden Interessierte auf der Website der Internetinitiative ›Einfach für Alle‹ der Aktion Mensch. »Es sind nur wenige Punkte zu beachten. Sie lassen sich ohne großen Aufwand umsetzen und helfen sogar, Kosten zu sparen«, sagt Tomas Caspers. Denn eine barrierefreie Website lasse sich schneller laden, leichter pflegen und einfacher bedienen. »Davon profitieren alle.«