Wie Blinde Websites erkunden

Wie klingt eigentlich eine Website? Das ist eine Frage, die vor allem Blinde beantworten können. Blinde und Sehgeschädigte gehören zu den intensivsten Nutzern des Internet. Wie das geht, erfahren Sie in diesem Artikel.

Tags: Barrieren, Flash, Hilfsmittel, Multimedia, Podcast, Sehbehinderung, Web-2.0

Autor: do

Am Beispiel von Texten wollen wir zunächst zeigen, wie Blinde überhaupt eine optische Oberfläche für sich zugänglich machen. Im zweiten Teil wird es um die Nutzung multimedialer Angebote gehen. Wie Blinde selbst Inhalte im Web bereit stellen, erfahren die Leser im dritten Teil.

Die graphische Benutzeroberfläche und der Screenreader

Um einen Computer überhaupt nutzen zu können, verwenden Blinde einen Screenreader. Dieses Programm gibt visuelle Inhalte wie Menüs oder Texte als Sprache oder als Blindenschrift auf einem Braille-Display aus. Die Steuerung erfolgt vollständig über die Tastatur. Die Zugänglichkeit der Programme ist sehr unterschiedlich, manche Programme lassen sich sehr gut über Tastatur und Screenreader bedienen, andere gar nicht.

Das Internet gehört zu den wichtigsten Bereichen der Computernutzung und ist über Screenreader generell gut zu erreichen. Der Screenreader orientiert sich nicht am optischen Erscheinungsbild, sondern an der Struktur einer Website. Elemente, die für den sehenden Nutzer parallel erscheinen, sind für den Nutzer von Screenreadern linear angeordnet.

Während der Sehende mit einem Blick wichtige Elemente wie die Navigation und Text von Schmuckelementen wie Bannern oder Werbung unterscheiden kann, gilt es für den Blinden, zunächst alle Elemente der Website einmal zu erfassen, um sich auf der Website zurecht finden zu können. Der Inhalt von Bildern, Graphiken und Animationen bleibt für Blinde unsichtbar.

Texte und Foren

Normale Fließtexte stellen in der Regel kein Problem dar. Die kleine Anwendung RSS hat dabei zu einer wesentlichen Verbesserung geführt. Die Feeds erlauben das bequeme Lesen der Artikel, ohne die jeweiligen Seiten durchnavigieren zu müssen. Schwieriger sieht es bei komplexen Angeboten aus, wir wollen das hier am Beispiel von Foren deutlich machen.

Die klassischen Foren basieren auf der sogenannten Baumstruktur. Die Baumstruktur erlaubt das Erkennen von Diskussionssträngen. Der Nutzer sieht auf den ersten Blick, wer auf wen geantwortet hat. Für den Blinden ist das allerdings nicht erkennbar. Ebenfalls problematisch ist, dass Beiträge nur einzeln angezeigt werden. Der Screenreader muss bei jedem Aufruf die Seite neu einlesen und beginnt am Anfang der Seite. Der Blinde muss bei jedem Seitenaufruf nach dem Anfang des Beitrags suchen, ohne zu wissen, ob tatsächlich etwas lesenswertes in dem Beitrag steht. Manche Diskussionsfäden ziehen sich über Dutzende von Beiträgen, so dass selbst Normal-Sehende hier nicht alle Beiträge lesen würden.

Günstiger sind die Newsboards, wo die Antworten untereinander angeordnet werden, hier ist zumeist auch für den Sehenden nicht erkennbar, wer auf wen geantwortet hat. Das Projekt selfHTML hat das in seinem Forum elegant gelöst: Oben auf der Website wird der Forenbaum angezeigt, darunter werden alle Beiträge untereinander eingeblendet.

E-Mails als Austauschmedium

Viele Blinde bevorzugen für Austausch und Diskussionen E-Mails. Auf der Plattform Blindzeln gibt es über 70 Mailinglisten zu so verschiedenen Themen wie Kochen, Lesen oder Blindenhunden.

Das Mailprogramm bietet ein einheitliches Erscheinungsbild und hat viele Funktionen, die Foren und Newsboards entweder gar nicht bieten oder die für Blinde nur schwer oder gar nicht zugänglich sind:

  • die Absender sind leicht erkennbar
  • die Nachrichten lassen sich einfach nach Absender, Datum oder Thema sortieren
  • die Diskussionsstränge lassen sich anhand der Betreffzeile erkennen

Der größte Vorteil besteht darin, dass alle Funktionen des Mailprogramms per Tastatur zugänglich sind.

Der Nachteil dieser Mailinglisten ist allerdings ebenso offensichtlich: Obwohl auch Menschen ohne Sehschädigung bei Blindzeln willkommen sind, bevorzugen die meisten Sehenden für sie attraktivere Austauschmedien. Was für den Blinden übersichtlich und einfach ist, wirkt auf den Sehenden unübersichtlich und textlastig.

Die Kommunikation verlagert sich zunehmend von E-Mails hin zu Statusmeldungen über Twitter oder zum Nachrichtenaustausch innerhalb der sozialen Netzwerke.

Zudem entgehen den Blinden wichtige Informationen und Hilfsmöglichkeiten, wenn sie gezielt Foren ausweichen. Foren werden gern zur Selbsthilfe genutzt und oftmals sind die hier gegebenen Antworten hilfreicher als die Hilfeseiten professioneller Anbieter.

Komplexe Anwendungen und Interaktion

Komplexe Websites erfordern einen hohen Lernaufwand des blinden Nutzers und sind daher oft nicht attraktiv. Schwierig sind zum Beispiel Shopping-Angebote und Online-Auktionen. Grundlegende Informationen wie Preise, Artikelbeschreibung oder allgemeine Geschäftsbedingungen sind zumeist noch erschließbar. Schwierig ist vor allem die Interaktion mit der Website, wenn es um die Eingabe von Daten und die Zahlungsmodalitäten geht. Die Shop-Betreiber setzen zumeist auf Technologien, die vom Screenreader nicht unterstützt werden, die nicht mit der Tastatur bedienbar sind und deren Rückmeldungen oft nicht verständlich sind.

Die Folgen können hier sehr schwerwiegend sein, wenn etwa aus Versehen falsche Artikel bestellt werden. Deswegen bleiben viele Blinde lieber bei den Webseiten, die sie gut genug kennen, um sie bedienen und überschauen zu können.

Screenreader testen

Mittlerweile hat jeder die Möglichkeit, selbst mit Screenreadern zu experimentieren: Unter Windows gibt es die freien Screenreader NVDA und Thunder, die Linux-Distributionen Ubuntu und Knoppix haben von Haus aus die Screenreader Orca und ADRIANE an Bord. Die Apple-Betriebsysteme werden mit dem Screenreader VoiceOver ausgeliefert. Die professionelle Nutzung eines Screenreaders erfordert allerdings viel Erfahrung und Übung.

Multimedia für Blinde

Obwohl das Web nach wie vor ein textbasiertes Medium ist, kommt kaum eine Website heute ohne multimediale Angebote aus. Vor allem im Bildungsbereich spielen Podcasts, Videos und Präsentationen eine immer größere Rolle.

Podcasts – hören statt sehen

Podcasts können mit geringem Aufwand produziert und angeboten werden und erfreuen sich großer Beliebtheit, weil sie problemlos mobil genutzt werden können. Für Blinde liegt der Vorteil von Podcasts darin, dass sie rein akkustisch sind, zumeist als Download angeboten werden und problemlos auf dem PC oder anderen Geräten angehört werden können.

Auch Blinde schauen Videos

Viele Leute scheinen zu glauben, Blinde würden sich keine Videos anschauen. Allerdings dürfte es kaum jemanden überraschen, dass auch Blinde oft einen Fernseher zuhause stehen haben. Videos haben einen sehr hohen sprachlichen Anteil. Viele Vorträge, Vorlesungen, Interviews oder Ausschnitte aus aktuellen Fernsehsendungen werden als Video bereit gestellt. Das Einbinden und Verweisen auf Videos gehört zum Alltag im Web 2.0.

Flash als Barriere

Das Kernproblem bei der Zugänglichkeit der Videos besteht im verbreiteten Einsatz des Flash-Player. Videos auf YouTube lassen sich über Tastatur weder starten noch stoppen. Für Blinde wäre es besonders wichtig, die Lautstärke von Videos zu steuern, da sie bei zu lauten Videos ihre Sprachausgabe nicht mehr verstehen können.

Wie es anders geht, zeigen die Anwendungen EasyYouTube oder Accessible Interface to YouTube. Diese Anwendungen sind über den Screenreader steuerbar. Für den Browser Firefox gibt es verschiedene Erweiterungen, die das Herunterladen und bequeme Steuern der Videos zulassen. Der Online-Dienst Video2mp3 erlaubt das Konvertieren von Videos in mp3. Die Nachteile solcher Anwendungen sind aber offensichtlich:

  • Es ist nicht klar, ob diese Anwendungen mit den Benutzungsbedingungen der Anbieter und dem Urheberrecht harmonieren.
  • Diese Anwendungen sind oft auf bestimmte Plattformen zugeschnitten. Wenn man zum Beispiel Videostreams der eigenen Universität ansehen möchte, dann funktionieren auf YouTube zugeschnittene Programme nicht. Die Website Podcampus bietet Vorträge verschiedener Universitäten im Flash-Format an, ist aber von Haus aus nicht zugänglich.
  • Zudem entgehen dem Nutzer viele Informationen und Funktionen der Ursprungs-Website, mehr oder weniger nützliche Kommentare und Anmerkungen, die Anzeige verwandter Inhalte oder erweiterte Suchfunktionen mit Filtermöglichkeiten.

Bedenklich ist auch die Tendenz, Präsentationen als Flash-Animation wie auf SlideShare bereit zu stellen. Präsentationen enthalten normalerweise keine Audio-Kommentierung und die Texte der Präsentationen sind für den Screenreader nicht lesbar. Besser sind die Screencasts, dabei werden Präsentationen und Vorlesungstext parallel aufgesprochen. Davon können auch Sehbehinderte profitieren, die an ihrem eigenen Bildschirm der Präsentation wesentlich besser folgen können als einer Leinwand-Projektion. Die Screencasts werden aber zumeist ebenfalls im Flash-Format angeboten und sind damit für Blinde nicht zugänglich.

Multimedia dient nicht nur der Unterhaltung, sondern wird zunehmend auch in den Bereichen Bildung und E-Learning eingesetzt. Daher wird es für Blinde immer wichtiger, dass auch solche Angebote zugänglich sind.

Blinde im Mitmach-Web

Das Web 2.0 ist eine Einladung zum Mitmachen: Leser werden zu Schreibern, Hinschauer werden zu Fotografen, Menschen schließen sich zu Communities zusammen.

Große Teile des Mitmach-Web sind textbasiert. Für das Blogging und Mikro-Blogging gibt es netzbasierte Lösungen wie Wordpress oder AccessibleTwitter. Der blinde Heiko Kunert benutzt einige der Web-2.0-Tools wie Wordpress, Twitter oder Friendfeed, um unter anderem über die alltäglichen Schwierigkeiten Blinder zu berichten. Der ebenfalls blinde Programm-Entwickler Marco Zehe berichtet in seinem Weblog über seine Beteiligung an der Entwicklung des Firefox-Browsers und Aspekte der Barrierefreiheit. Der blinde Hörfunk-Journalist Marko Schlichting produziert »Markos Medienpodcast«, in dem er kritisch über die Medienkultur berichtet.

Mapping für Blinde

Die Routenplanungen für Fußgänger von GoogleMaps oder BingMaps erlauben Blinden, eine zu laufende Route bezüglich Entfernung und Namen der Straßen abzuschätzen und leistet damit einen Beitrag zur selbstständigen Mobilität. Noch weiter geht das freie Karten-Projekt OpenStreetMap. Hier haben alle Beteiligten die Möglichkeit, mit einem GPS-Tracker Material zu freien Karten beizusteuern. Die Nutzer werden auch dazu angehalten, für Blinde wichtige Punkte wie Haltestellen exakt zu kennzeichnen. Auch Blinde sind dazu eingeladen, Tracks zu spenden, schließlich wissen sie am besten, welche Orte für sie wichtig sind.

Soziale Netzwerke

Die großen sozialen Netzwerke gelten bisher als eher unzugänglich. Die Websites sind sehr komplex aufgebaut. Außerdem werden oft CAPTCHAs verwendet, das sind in Bildern versteckte Zeichen, die der menschliche Leser eingeben muss, um zum Beispiel Freunde oder Anwendungen zu seinem Profil hinzuzufügen. Die im ersten Beitrag erwähnten Mailinglisten können ähnliche Aufgaben wie die sozialen Netzwerke Erfüllen.

Offen und zugänglich – ein Web für Alle

Die Beiträge zeigen nur einen Bruchteil der Möglichkeiten und Anwendungen im Internet. Blinde Programmierer sind unter anderem an der Entwicklung der im ersten Teil genannten freien Screenreader oder an der freien Handy-Navigation Loadstone GPS beteiligt und verwenden dazu Anwendungen zur Zusammenarbeit im Netz wie Wikis.

Jeder Blinde im Besonderen und Behinderte im Allgemeinen entwickelt seine eigenen Strategien, um mit dem Netz zurecht zu kommen. Ein häufiges Argument, Anwendungen nicht barrierefrei zu machen lautet, dass diese sowieso nicht von Behinderten verwendet würden. Eine selbst erfüllende Prophezeiung.

Barrierefreiheit ist nicht nur für Blinde und Sehbehinderte wichtig. Auch Menschen mit Lernschwäche, motorischen Einschränkungen oder ältere Menschen stoßen auf mehr oder weniger große Schwierigkeiten bei der Nutzung des Web. Deswegen gehören selbstverständlich auch Bilder, Videos oder Animationen zur barrierefreien Webgestaltung.

Im Mitmach-Web muss Barrierefreiheit weiter gedacht werden:

  • Die Websites vieler freier Redaktionssysteme sind oft schon barrierefrei. Behinderte sind aber nicht nur Konsumenten von Inhalten, sondern wollen selbst Inhalte bereit stellen. Deshalb sollte auch das Backend von Redaktionssystemen barrierefrei zugänglich sein.
  • Die Frage sollte nicht lauten, ob Behinderte eine bestimmte Anwendung einsetzen werden. Eine Anwendung sollte möglichst für alle zugänglich sein. Im Rahmen des E-Goverment und von Open Data wird das Web nicht nur gesellschaftlich, sondern auch für die politische Teilnahme entscheidend an Bedeutung gewinnen. Das E-Goverment soll Dienstleistungen der öffentlichen Verwaltung online bereit stellen, im Rahmen von Open Data sollen Daten öffentlicher und wissenschaftlicher Einrichtungen bereit gestellt werden.
  • Entscheidend für Anwendungen wie Easy YouTube oder AccessibleTwitter sind die Programmschnittstellen, die viele der großen Web-2.0-Anwendungen anbieten. Diese Application Programming Interfaces (APIs) erlauben den Zugriff auf Daten und Funktionen der Webanwendungen. APIs sind allerdings kein Ersatz, sondern eine Ergänzung barrierefreier Angebote. Sie erlauben alternative Zugriffswege und Darstellungsformen.
  • Zu einem guten Web-Angebot gehören auch multimediale Inhalte und auch diese Inhalte müssen möglichst für alle zugänglich sein.

Das Internet macht es zum ersten Mal möglich, dass sich Behinderte und Nicht-Behinderte ohne große Berührungsängste untereinander austauschen. Dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen und die Zugänglichkeit der Plattformen ist die wichtigste Voraussetzung.