Barrierefrei = Textversion ?

In der Diskussion um Web Accessibility taucht immer wieder der Vorschlag auf, eine alternative Textversion anzubieten und schon sei man barrierefrei.

Tags: ,

Stand: 26.06.2003, Autor: tc

Auch die Zeitschrift Internet Professionell wartet in der aktuellen Ausgabe mit einem Artikel auf, der mit einer Anleitung zum Einfügen von alternativen Texten nur kurz die Oberfläche ankratzt und dann zur Schlussfolgerung kommt: »Da barrierefreies Design in den meisten Fällen bedeutet, Abstriche bei der grafischen Wirkung einer Site machen zu müssen, empfiehlt es sich, zwei Versionen einer Website anzubieten: eine allgemeine und eine barrierefreie.«

Uns ist leider kein Beispiel bekannt, wo für die Barrierefreiheit eines Webangebotes Abstriche in der grafischen Wirkung gemacht werden mussten, aber vielleicht können Sie uns da nachhelfen? Bisher sind wir immer davon ausgegangen, dass die grafische Wirkung einer Website ein ganz wichtiger Bestandteil einer barrierefreien Konzeption und Umsetzung ist. Eine gelungene grafische Gestaltung ist gerade für Netz-Anfänger oder Menschen mit Lernbehinderungen ein wichtiges Mittel, um sich überhaupt orientieren zu können und um die Funktionen einer Website zu verstehen und zu bedienen.

Hier ist wieder jemand dem sich leider sehr hartnäckig haltenden Märchen aufgesessen, nach dem die bloße Hinterlegung einer abgespeckten Textversion schon reichen würde, um Menschen mit Behinderungen zu bedienen. In der im genannten Artikel ebenfalls zitierten BITV steht jedoch nichts davon, dass diese Verordnung nur zum Wohle von Menschen mit Sehbehinderungen geschaffen wurde, für die eine reine Textversion angeblich Vorteile bringen könnte.

Im Gegenteil: »»Die Gestaltung von Angeboten der Informationstechnik (§ 1) nach dieser Verordnung ist dazu bestimmt, behinderten Menschen im Sinne des § 3 des Behindertengleichstellungsgesetzes, denen ohne die Erfüllung zusätzlicher Bedingungen die Nutzung der Informationstechnik nur eingeschränkt möglich ist, den Zugang dazu zu eröffnen.«

Leider konnte in dieser Diskussion bisher niemand belegen, warum denn eine zusätzliche Textversion nun so ausgesprochen barrierefrei sein soll. Wenn man den Ansatz einer zusätzlichen, barrierefreien Version verfolgen würde, hieße das doch konsequenterweise, dass für jede mögliche Behinderungsform eine separate Alternativ-Version vorgehalten werden müsste. Also jeweils eine Sonder-Site für Menschen mit Hörbehinderung, eine für Menschen mit Sehbehinderung, eine für Menschen mit motorischer Behinderung, eine für Menschen mit Lernbehinderung, eine für ältere Mitbürger und so weiter.

In der Marginalie neben dem Artikel lesen wir in einem Interview mit dem Inhaber einer Agentur in München:
»Mit den heutigen technischen Mitteln (und dazu zähle ich auch HTML) sehe ich kaum Möglichkeiten, Websites 'schön' und barrierefrei zu machen.«
Da der Prophet im eigenen Lande oft nichts gilt, empfehlen wir jetzt nicht die Lektüre von ›Einfach für Alle‹, sondern verweisen auf einige konkrete Beispiele aus dem benachbarten Ausland: Die Sites golf.uk.net, openweb.eu.org, www.cybercodeur.net und www.homelesspixel.de/remix zeigen, dass beides nicht nur miteinander vereinbar ist, sondern dass das Eine (barrierefrei) nicht ohne das Andere (gestaltet) geht.

Daher verraten wir hier jetzt ein bisher streng gehütetes Geheimnis: HTML ist Text. In einer nach den aktuellen Webstandards aufgebauten Seite ist die Textversion bereits enthalten und ist per CSS an die unterschiedlichsten Ausgabeformen anpassbar.

Und auch wenn die Hersteller von Redaktionssystemen immer wieder versprechen, eine parallele Nur-Text-Version bedeute keinen Mehraufwand - das Gegenteil ist richtig. Die Erfahrung zeigt immer wieder, dass eine alternative Version eben doch nicht in dem selben Umfang gepflegt wird, wie die eigentliche "Normal"-Version.

So ist zum Beispiel auf dem angeblich barrierefreien Parallelangebot der Landeshauptstadt Dresden zu lesen: »Momentan ist das inhaltliche Angebotsspektrum noch nicht mit dem von www.dresden.de vergleichbar. Zunächst bietet der barrierefreie Auftritt wichtige Informationen für Behinderte, zudem die aktuellen Pressemitteilungen, Ausschreibungen und Immobilienangebote sowie Wirtschaftsnachrichten. Darüber hinaus finden sich Informationen über den Dresdner Oberbürgermeister und den Stadtrat. An einer Erweiterung des Angebots wird kontinuierlich gearbeitet.«

Wir würden gerne Ihre Meinung wissen: Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit und diskutieren Sie diesen Artikel mit anderen Experten.