Linearisierung – und alles wird gut

Als Tim Berners-Lee und Robert Cailliau Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrtausends HTML und HTTP – und damit das heutige World Wide Web – erfanden, hatten sie ein System im Sinn, das lediglich Texte auszeichnet. Das heißt: die logische Struktur eines Textdokuments wird beschrieben, und das Aussehen überlässt man dem Zielcomputer. Auch wenn dieses grundlegende Prinzip bis heute weitestgehend missachtet wird, so hat sich daran doch nichts geändert.

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Autor: tc

In den Anfangstagen des Web war die Gestaltung von Seiten noch recht einfach: auf eine Überschrift vom Typ <h1> folgte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine vom Typ <h2>, Absätze hießen noch <p> und Zitate anderer Wissenschaftler wurden in <blockquotes> verpackt. Visuell veranlagte Webdesigner entdeckten bald, dass man Webseiten gestalten kann und setzten zu diesem Zweck HTML-Tags ein, um ein bestimmtes Aussehen zu erreichen. Daran ist eigentlich nichts verwerfliches, ist doch das Web ein Medium, das primär visuell wahrgenommen wird – Benutzer wie Anbieter haben auch ein Recht auf Gestaltung!

Ironie der Geschichte: bereits der erste Browser, den Tim Berners-Lee am CERN entwickelte, und der auf den klangvollen Namen World Wide Web hörte, beherrschte schon benutzerdefinierte Formatvorlagen – Style Sheets! Hier ein Bildschirmfoto des ersten Webbrowsers.

Zudem unterstützt eine gute Gestaltung auch die Aufnahme der Inhalte, z. B. indem sie die Lesbarkeit und damit das Textverständnis verbessert – ein nicht zu unterschätzender Faktor. Leider geschah dies aber mit Mitteln, die HTML immer weiter von seiner strukturierenden Funktion wegführten und die mit jeder neuen Versionsnummer der konkurrierenden Webbrowser weiter weg von einem einfachen Zugang für alle führten.

Die größte technische Hürde sind auch heute noch die Tabellen. Werden sie als reines Layoutmittel eingesetzt, so führt es fast zwangsläufig zu einer Zerstückelung der Inhalte. Diese sind dann für alle, die nicht mit einem grafischen Webbrowser arbeiten können, kaum mehr entzifferbar.

Das folgende Bildschirmfoto aus Macromedia Dreamweaver, einem häufig eingesetzten Wysiwyg-Editor, illustriert das Problem recht anschaulich: in der Darstellung steht nach der in westlichen Ländern üblichen Lesart:

Erster Satz
Zweiter Satz
Dritter Satz
Vierter Satz

Doppelte Ansicht mit Quelltext und grafischer Darstellung von Tabellen

In dieser Art wurden und werden auch heute noch HTML-Seiten aufgebaut: Spaltensatz mit Headline oben links, der dazugehörige Text darunter, nächste Headline oben rechts und wieder Text darunter. Für Systeme, die mit Tabellen nichts anfangen können beginnt genau hier das Problem: im Quelltext stehen die Texte in einer anderen Reihenfolge als sie von grafischen Browsern angezeigt werden.

Besonders gravierend wird es bei mehrfach verschachtelten Tabellen, wie sie leider immer noch in mehrspaltigen Layouts eingesetzt werden. Hier kann es passieren, dass die Headline am einen Ende des Quelltextes steht, der dazugehörige Text im HTML aber am gegenüberliegenden Ende.

Die Hersteller von Hilfsmitteln haben sich mittlerweile auf diese Unart des Webdesigns eingestellt. Sie haben teilweise Systeme entwickelt, die den Bildschirmspeicher abgreifen und versuchen, den Text in den vorgefundenen Blöcken zu sortieren – ein Ratespiel mit oftmals wenig brauchbaren Ergebnissen.

Diese Problematik wird sich noch verschärfen: das Web wird sich immer mehr vom Desktop lösen und Zugriffe werden aus anderen Umgebungen als grafischen Betriebssystemen erfolgen. Gängige Konfigurationen (Windows ab 98 mit MS IE ab 5) kann man nicht mehr voraussetzen. Inhalte losgelöst von Ihrer Verpackung anzubieten hat somit entscheidende Vorteile, die Gestaltung wird dem jeweiligen Medium entsprechend separat mitliefert.

Zurück zur Struktur

Durch den konsequenten Einsatz von Style Sheets und semantischem HTML ist es möglich, den Dokumenten die Struktur zurückzugeben, die jahrelang durch den übermäßigen Gebrauch von Tabellen zu reinen Layout-Zwecken verloren gegangen ist. Die Folge ist, dass so aufgebaute Seiten von jedem x-beliebigen Browser dargestellt werden können – und zwar exakt entsprechend seiner Möglichkeiten.

  • Browser (oder besser jegliche Art von Zugangssoftware oder Roboter), die lediglich Texte interpretieren können, bekommen auch nur genau das geliefert: strukturierten Text, nicht mehr und nicht weniger.
  • Browser, die CSS und HTML korrekt interpretieren, bekommen die bis aufs letzte Bit identische Datei, aber zusätzlich noch separate, ihrem Medientyp entsprechende Formatvorlage mit den Formatierungsanweisungen des Anbieters. Diese Seiten hier funktionieren übrigens genau so. Und wenn dem Benutzer diese Formatvorlage nicht passt, bieten alle aktuellen Browser wie Opera, Internet Explorer und Firefox die Möglichkeit einer eigenen Vorlage, die den individuelle Bedürfnissen angepasst ist. Vorgefertigte Style Sheets, die man auch für solche Zwecke lokal installieren kann und darf, gibt es mittlerweile zu Hauf im Netz.
  • Die Seiten werden deutlich schlanker, weil sie nicht mehr alle Eventualitäten in der doch sehr unterschiedlichen Interpretation von Layouttabellen durch die Browser abfangen müssen. Untersuchungen des W3C sprechen von einem Geschwindigkeitsvorteil um den Faktor 3 durch den konsequenten Einsatz von CSS.
  • Ehrlicherweise sei hier aber auch erwähnt, dass es einige Produkte gegeben hat, die mit diesen Techniken hoffnungslos überfordert sind. Browser der Versionsnummern 4 und 5 sollten besser ein auf deren Fehler hin angepasstes einfaches Style Sheet geliefert bekommen.