Warum visuelle Einfachheit der Usability schaden kann

Gebrauchstauglichkeit (Usability) basiert auf Prinzipien wie »Weniger ist Mehr« und »Halte es einfach«. Einfach zu sein bedeutet aber mehr als man bei oberflächlicher Betrachtung erkennen kann. Wenn Sie visuelle Komplexität auf Kosten der strukturellen Einfachheit reduzieren, werden Ihre Nutzer es schwerer haben, die Inhalte einer Website zu verstehen und zu navigieren.

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Stand: 07.03.2007, Autor: ho

Über die Balance zwischen visueller und struktureller Komplexität in der Gestaltung interaktiver Angebote.

Designer versuchen oft die visuelle Komplexität von Webseiten zu reduzieren, um Dinge einfach und benutzerfreundlich zu machen. Sie reduzieren die Anzahl der Menüpunkte, verstecken sie in Aufklapp-Menüs, verschieben verwandte Inhalte und Details auf andere Seiten und teilen Artikel auf mehrere Seiten auf. Die Gründe dafür sind meist ästhetischer Natur, aber Designer begründen dies auch mit gängigen Annahmen über ihre Nutzer wie zum Beispiel:

  • Benutzer können nur eine gewisse Anzahl an Informationen gleichzeitig verarbeiten
  • Benutzer wollen nicht auf Dinge warten, bis sie heruntergeladen sind
  • Benutzer wollen nicht scrollen

Obwohl diese Annahmen ein Körnchen Wahrheit enthalten, so sind sie doch stark vereinfacht, zu undifferenziert und führen im schlimmsten Fall in die Irre. Eine wörtliche Anwendung wird mit hoher Wahrscheinlichkeit negative Auswirkungen auf die Gebrauchstauglichkeit des Angebots haben. Es ist natürlich wahr, dass je simpler eine Seite aussieht, desto einfacher werden Benutzer Informationen in ihr finden. Die Reduzierung der visuellen Komplexität mit dem Ziel, Dinge angenehmer für das Auge des Betrachters zu machen führt unweigerlich zu einer höheren strukturellen Komplexität. Damit wird es für den Nutzer schwieriger, die Website zu verstehen und zu navigieren.

Im Folgenden werden wir ein paar häufige Fallstricke aufzeigen, bei denen Studien gezeigt haben, dass nicht alles, was einfach erscheint, auch einfach zu benutzen ist.

Die 7 +/− 2-Regel

Eines der irreführendsten Argumente für die Reduzierung der visuellen Komplexität ist die 7 +/− 2-Regel. Die Regel besagt, dass das menschliche Gehirn nicht mehr als sieben plus/minus zwei Dinge gleichzeitig verarbeiten kann. Wenn Sie diese Regel auf ein Design anwenden, dann ergibt sich daraus, dass Dinge wie ein Menü oder eine Auflistung nie mehr als neun Punkte haben dürfen.

Das Problem mit dieser Regel ist, dass der Psychologe George Miller, der sie formuliert hat, die Grenzen des menschlichen Kurzzeitgedächtnisses untersucht hat – nicht die Grenzen dessen, was Menschen gleichzeitig visuell wahrnehmen können. Menschen können nur sieben +/− zwei Dinge in ihrem unmittelbaren Kurzzeitgedächtnis halten, haben aber keine Probleme mit größeren Mengen visueller Informationen in ihrem Gesichtsfeld. Wenn Informationen zur wiederholten Aufnahme zur Verfügung stehen, dann spielt das Gedächtnis keine signifikante Rolle in der Wahrnehmung.

Die 7 +/−2-Regel kann sogar schädlich sein, wenn man sie auf Navigationen anwendet. Oberflächlich betrachtet mag es nachvollziehbar erscheinen, dass die Reduzierung der Anzahl von Menüpunkten die Navigation für Nutzer einfacher macht.

Dies ist aber nicht wahr. Eine Reduzierung der Anzahl der Menüpunkte macht die Hierarchie automatisch tiefer und erhöht damit die strukturelle Komplexität. Untersuchungen haben ergeben, dass Nutzer Informationen generell einfacher in flachen und breiten als in engen und tiefen Menüstrukturen finden. Grob geschätzte 16 übergeordnete Menüpunkte, die zu jeweils zwei bis drei Folgemenüs führen scheinen die effizienteste und am wenigsten fehleranfällige Methode zu sein.

Ladezeiten

Ein weiteres Argument für die Reduzierung der visuellen Komplexität ist die Ladezeit: je mehr Inhalte auf einer Seite sind, desto länger braucht diese zum Laden. Es ist natürlich wahr, dass Menschen ihre Zeit nicht verschwenden wollen, aber Tatsache ist auch, dass die wahrgenommene Ladezeit und die tatsächliche Ladezeit nicht voneinander abhängen.

Eine Studie der Usability-Berater von UIE über die wahrgenommene Ladezeit von zehn verschiedenen Websites hat gezeigt, dass es keine Korrelation zwischen der tatsächlichen Ladezeit und der vom Benutzer »gefühlten« Ladezeit gibt. Stattdessen fand UIE eine starke Korrelation zwischen der »gefühlten« Ladezeit und der erfolgreichen Erfüllung der gestellten Testaufgaben. Ein stärkerer Fokus auf die Unterstützung der Nutzer, um das zu finden nach den sie suchen scheint die bessere Strategie zu sein, als die visuelle Komplexität zu verringern, um Seiten schlank und schnell erscheinen zu lassen.

Scrollen

Benutzer und Anbieter sagen immer wieder, dass sie nicht gerne scrollen, und viele Designer bemühen sich, ihre Seiten immer schön ins Browserfenster einzupassen. Diese Ansicht wurde seit 1996 von Jakob Nielsen's »Top Ten Mistakes in Web Design« gestützt, in dem er berichtete, dass lediglich 10% der Nutzer über die Informationen hinaus scrollen, die auf dem Bildschirm sichtbar sind.

Aber auch nach Nielsen ist dies nicht länger wahr. Seine Studien aus 1997 zeigten, dass Nutzer sehr wohl willens und bereit sind, sogar lange Seiten zu scrollen, und Nielsen hat erklärt, dass Scrollen nun erlaubt sein und »nicht länger ein Usability-Desaster« sei.

Jüngere Studien von UIE und dem Usability-Forschungslabor SURL stützen diese Erkenntnis. Nach UIE sind Benutzer durchaus willens, lange Seiten zu scrollen, wenn man ihnen deutliche Hinweise gibt, dass dies dabei hilft, das Gesuchte zu finden. Forschungsergebnisse von SURL zeigen, dass Scrollen durch einen Artikel schneller vonstatten geht als das Lesen von Artikeln, die auf mehrere Seiten aufgeteilt sind. Die Teilnehmer am Test äußerten, dass sie solche Artikel als »zu zerstückelt« empfanden und frustriert waren, wenn sie vor und zurück gehen mussten, um Informationen zu finden.

Ein Vorurteil gegen Scrollen ist, dass Informationen vor dem Nutzer versteckt sind. Wie aber UIE korrekt bemerkt, »verhindern kurze Seiten dieses Problem zwar, indem mehr (oder alles) einer einzelnen Seite angezeigt wird, die Information ist aber nach wie vor versteckt – nur diesmal auf anderen Seiten«. Indem Sie Informationen auf anderen Seiten verstecken erhöhen Sie unausweichlich die strukturelle Komplexität.

Produktlisten

Das Verstecken von wichtigen Informationen ist nicht nur lästig für die Benutzer. Es kann auch Auswirkungen auf die Umsätze bei e-Commerce-Sites haben. Eine andere Studie von UIE hat gezeigt, dass Kunden weniger kaufen, wenn Listen von Produkten nur unzureichende Details zu diesen Produkten zeigen.

In dieser Studie hat UIE beobachtet, dass die Teilnehmer am Test bis zu fünf mal häufiger Produkte in ihren Einkaufswagen gelegt haben, wenn die Produktliste ausreichende Informationen enthielt, als wenn sie zwischen Produktliste und Seiten mit Detailinformationen hin und her klicken mussten, um sich zu entscheiden. Auch fanden sie heraus, dass Teilnehmer, die nicht genügend Informationen in den Produktlisten fanden, um ein Drittel häufiger das Einkaufen abbrachen und eine schlechtere Meinung der getesteten Websites hatten.

Die richtige Balance finden

Die Gebrauchstauglichkeit ist zu einem wichtigen Aspekt in vielen Webprojekten geworden. Für Menschen mit geringen Erfahrungen im Design interaktiver Anwendungen ist es verlockend, sich auf das zu verlassen, was man sieht und was andere erzählen. Kunden, Kollegen, Manager und voraussichtliche Nutzer werden Einfachheit wollen und werden sich über die Informationsschwemme beschweren, wenn der Bildschirm überfüllt aussieht. Aber es gibt, wie wir gesehen haben, mehr zwischen Himmel und Erde als das Offensichtliche.

Für den Designer eines interaktiven Angebotes ist es eine Frage der richtigen Balance zwischen visueller und struktureller Komplexität. Nutzer werden sich beim Anblick einer visuell komplexen Seite beschweren. Sie werden sich aber ebenso beschweren, wenn die benötigte Information nicht sofort vorhanden ist, sobald sie die Website benutzen. Das ist die alte Geschichte über den Unterschied, was Menschen sagen und was Menschen machen. Wenn eine Website nicht ausschließlich für das visuelle Erlebnis gedacht ist, so sollten Sie sich auf das Verhalten der Benutzer verlassen, nicht auf das, was andere ihnen erzählen wollen. Benutzen Sie die Erkenntnisse aus den genannten Studien als Richtlinien und testen Sie Ihre Designs mit zukünftigen Nutzern.