Kognitive Behinderungen

Teil 2: Designgrundsätze entwickeln

Es ist eine unglückliche Tatsache, daß die Barrierefreiheitsgemeinschaft sich einige Zeit mit einem Konsens um Richtlinien abmühte, die auf Webinhalte für Individuen mit kognitiven Behinderungen angewandt werden können. Viele Autoren schlagen spezifische und nach gesundem Menschenverstand formulierte Grundsätze vor, während andere auf weiterführende Forschungsergebnisse warten wollen.

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Autorin: cy

Bei WebAIM vertreten wir die Ansicht, daß es hilfreich sein wird, bei dieser wichtigen Problematik den Dialog zu suchen. Zum einen können die gemeinsamen Überlegungen einer Vielzahl an Menschen gesammelt und ausgewertet werden – dies kann Forschern helfen, Fragen zu formulieren sowie Wege zu finden, um diese beantworten zu können. Dies kann auch Webentwicklern helfen, die ihre Inhalte so gestalten wollen, daß nicht der größte Teil der Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen wird. Zum anderen hingegen birgt die kontinuierliche Interaktion zu diesem Thema das Versprechen, Bereiche näher untersuchen und feinsinnige Unterscheidungen zwischen Punkten treffen zu können, die wichtig sein werden.

In dem Artikel Kognitive Behinderungen, Teil 1: Wir wissen immer noch zu wenig, und wir tun noch viel weniger (deutsche Übersetzung) hat WebAIMs Paul Bohman eine Liste vorläufiger Empfehlungen erstellt, die in Designrichtlinien verwendet werden können. Rückmeldung aus einzelnen Arbeitsbereichen wird dabei helfen, diese technischen Empfehlungen zu verfeinern. Eine andere Perspektive, aus der die Entwicklung solcher Designgrundsätze betrachtet werden kann, bietet die (Software-) Ergonomie (Human Factors). Die WebAIM-Mitarbeiter haben die Erfahrung gemacht, daß Entwickler häufig davon profitieren, Designtechniken aus Sicht des Nutzers zu betrachten. Barrierefreiheitsfragen in einer Makro-Struktur wie der Ergonomie zu plazieren kann es Entwicklern erleichtern, Zugänglichkeitstechniken bei ihrer Arbeit zu »assimilieren«. So scheint es z. B. für einen Entwickler leichter zu sein, zu berücksichtigen, daß jemand, der blind ist, »nichts sieht«, als sich an alle technischen Spezifikationen zu erinnern, die notwendig sind, um eine Seite für einen Blinden zugänglich zu machen. Aus dieser einfachen Perspektive heraus besehen kann der Entwickler einfach mit Dingen fortfahren, die sinnvoll erscheinen – indem er sich daran erinnert, daß der jeweilige Mensch die Elemente auf einer Seite nicht sehen kann, wird er veranlasst, zu hinterfragen, ob gleichartige Alternativen für Inhalt (z. B. alternative Texte) und Struktur (z. B. verknüpfte Formularbeschriftungen oder Spalten- und Zeilenköpfe in Datentabellen) existieren. Technische Spezifikationen um reale Nutzerprobleme herum aufzustellen war geraume Zeit eine Technik von WebAIM (siehe z. B. Die Nutzerperspektive berücksichtigen: Eine Zusammenstellung von Designproblemen). Diese Bemühung ist konsistent zum aktuellen Entwurf der Web Content Accessibility Guidelines, bei denen technische Spezifikationen sich auf Kernkonzepte wie «wahrnehmbar» und «betriebsfähig» konzentrieren. Diese Makro-Struktur wird die kognitive Beanspruchung des Entwicklers im Bezug auf Zugänglichkeitstechniken letztlich reduzieren und dabei helfen, Barrierefreiheit in seine (Arbeits-) Gewohnheiten einzubinden.

Mit Blick auf diese Zielsetzung sucht WebAIM weitere Rückmeldung sowie Erkenntnisse, um von der Nutzerperspektive aus Designgrundsätze für Menschen mit kognitiven Behinderungen zu erstellen. Wir fordern Sie auf, die Inhalte dieses kurzen Artikels zu kommentieren. Wir wollen das Konzept der Nutzerperspektive in der Hoffnung teilen, daß dieses verfeinert, getestet und in Zukunft von Entwicklern verwendet werden kann.

Wer sind Menschen mit kognitiven Behinderungen?

Menschen mit kognitiven Behinderungen repräsentieren weltweit die größte Gruppe an Menschen mit Behinderungen – es gibt viermal soviele Menschen mit kognitiven Behinderungen wie Blinde. Dies liegt zum Teil an der Tatsache, daß viele verschiedene Behinderungen die Fähigkeit eines Menschen beeinflussen können, Informationen zu verarbeiten, auf diese zuzugreifen oder diese und ihre Lernerfahrungen zu erinnern. Aufgrund der Reihe gleichartiger Herausforderungen, die für Menschen mit kognitiven Behinderungen gelten, werden viele Untergruppen typischerweise innerhalb der überspannenden Kategorie «kognitive Behinderung» eingeordnet. Dies schließt Menschen mit Lernschwächen (wie z. B. Dysgraphie und Dyslexie bzw. Legasthenie), Aufmerksamkeitsstörungen (wie z. B. ADHD und ADUD), Entwicklungsstörungen (wie z. B. Autismus, zerebrale Kinderlähmung, Down- und Fragiles-X-Syndrom) und neurologischen Beeinträchtigungen (wie z. B. Alzheimer, traumatische Gehirnverletzungen, Demenz und Schlaganfall) ein. Eine der derzeitigen Herausforderungen bei dieser großen Gruppe von Behinderungen ist, daß die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzer sehr unterschiedlich sind. Es ist bei Menschen mit kognitiven Behinderungen bekannt, daß sie Defizite auf dem einen Gebiet haben, aber auf anderen Gebieten typische bzw. «normale» oder sogar erweiterte Fähigkeiten aufweisen.

Es entstehen jedoch Muster, wenn man versucht, die Schwierigkeiten, die ein Mensch mit einer kognitiven Behinderung bewältigen muß, zu beschreiben. Die gebräuchlichsten Worte, die verwendet werden, um die bei Menschen in dieser Gruppe beobachteten Schwierigkeiten zu beschreiben, umfassen Probleme im Bezug auf:

  • Wahrnehmung und Verarbeitung
  • Gedächtnis
  • Problemlösung
  • Aufmerksamkeit

Wahrnehmung und Verarbeitung

Wahrnehmung und Verarbeitung bezieht sich auf die Fähigkeit des Menschen, (visuelle und auditive) Informationen zu identifizieren (wahrzunehmen) und in sinnvolle Einheiten zu unterteilen. Manche Autoren ordnen dieser Kategorie das Lesen und Schreiben zu, andere sehen Lese- und Schreibfertigkeiten dem einen oder anderen Gebiet zugeordnet.

Die Komplexität der verwendeten Sprache und des erforderlichen Leseniveaus kann sehr leicht überprüft werden. Folgen Sie den Vorschlägen in dem (englischsprachigen) Artikel Wie man für Menschen mit kognitiven Behinderungen nutzbare Materialien erstellt im Abschnitt »Modifying printed materials«.

Daß man im Internet lesen und schreiben können muß, ist ziemlich offensichtlich. Menschen mit kognitiven Behinderungen müssen die Fähigkeit besitzen, auf Buchstaben, geschriebene Worte und Sätze zuzugreifen und diese zu verstehen, aber falls notwendig auch eine schriftliche Antwort zu liefern oder zu identifizieren. Probleme können dabei auftreten, einzelne Wörter zu dekodieren, wortgetreue oder abstrakte Sprache zu verstehen sowie Antworten zusammenzustellen, sobald erforderlich – wobei dies getippte oder aus einem Pulldown-Menü gewählte Antworten sein können. Wenn ein Entwickler die Probleme versteht, denen sich ein Nutzer gegenübersieht, wenn dieser Worte und Sätze wahrnimmt oder verarbeitet, könnte er daran interessiert sein, seine Arbeit nach technischen Gesichtspunkten zu prüfen (z. B. ob für den Inhalt in angemessener Form die klarste und einfachste Sprache verwendet wird, ob Bilder um Texte ergänzt werden, ob Schriften vergrößert werden können, genügend Kontrast gegeben ist und auf der Seite auch ausreichend Leerraum vorhanden ist).

An dieser Stelle folgt ein Beispiel eines Leseproblems – bemerken Sie, daß dieses auf Wahrnehmung oder Verarbeitung zurückzuführen sein kann. Achten Sie darauf, ob die zugehörige Lösung hilfreich ist.

Was bedeutet dieser Satz?

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Überzeugen Sie sich anschließend von der Kraft und Wichtigkeit eingebetteter Graphiken als Möglichkeit, das Verständnis des geschriebenen Wortes zu verbessern, indem Sie sich diesen Satz mit einem Bild zusammen ansehen.

Eine weitere interessante Simulation eines Leseproblems und unserer »Belastbarkeit« hinsichtlich solcher Probleme finden Sie unter www.angmail.fsnet.co.uk/jumbltxt.htm

Gedächtnis

»Gedächtnis« bezieht sich auf die Fähigkeit eines Nutzers, zu erinnern, was er gelernt hat. Wir alle verfügen über ein Arbeits-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis. Wichtige Informationen bewegen sich typischerweise vom Arbeits- über das Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis. Menschen mit kognitiven Behinderungen haben Schwierigkeiten mit einer, zwei oder gar drei dieser Gedächtnisarten. Je bedeutungsvoller Ihr Content für die Bedürfnisse des Nutzers ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß dieser die funktionalen Gedächtnisspeicher des Gehirns erreicht. Manche Benutzer können auch unter speziellen Gedächtnisproblemen leiden, die ihre Fähigkeit beeinträchtigt, sich daran zu erinnern, wie sie zu Inhalten auf und von einer Webseite gelangt sind. Diese Nutzer würden von vielen technischen Überlegungen profitieren wie u.a.:

  1. Navigation, die innerhalb der ganzen Webseite sowie über die Zeit konsistent ist;
  2. Die Verwendung erkennbarer und offensichtlicher »Pfadfinder« (»Breadcrumbs«);
  3. Konsistenter Stilgebrauch, um z. B. Hypertext-Links über blaue Farbe und Unterstreichung auch als solche zu kennzeichnen.

Problemlösung

Manche Menschen mit kognitiven Behinderungen haben große Schwierigkeiten damit, auftretende Probleme zu lösen. In vielen Fällen ist ihre Belastbarkeit nur gering, und die resultierende Frustration führt dazu, daß sie betroffene Seiten verlassen und gar nicht versuchen, das Problem zu lösen. Ein Beispiel hierfür kann das Erscheinen eines »404«-Fehlers, ein nicht funktionierender Link oder auch ein Link sein, der sie nicht dahin führt, wohin sie dachten zu gelangen. Für manche Menschen können die Probleme, die damit verbunden sind, die Maus zu einem gewünschten Bereich auf dem Bildschirm zu führen (z. B. durch ein Problem bei der visuellen Verarbeitung verursacht) und dort in einen kleinen Bereich zu klicken, schlichtweg eine zu große Bürde sein. Designer täten gut daran, über Wege nachzudenken, wie ihre Designs dabei helfen, Probleme zu minimieren oder auszuschließen (indem z. B. regelmäßig geprüft wird, ob alle Links funktionieren, indem sichergestellt wird, daß alle Formulare sauber funktionieren, indem Pop-Ups vermieden werden oder auch, indem Mechanismen geboten werden, um Fragen beantworten oder dem Nutzer bei Bedarf Unterstützung bieten zu können).

Aufmerksamkeit

Es gibt viele Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, ihre Aufmerksamkeit auf die Aufgabe zu richten, die sie gerade ausführen. Ablenkungen wie bewegender Text und blinkende Symbole können die Umgebung sehr schwierig gestalten. Selbst für typische Nutzer kann die Anwesenheit von blinkenden und sich bewegenden Gegenständen oder mehrfachen Pop-Ups irritierend sein. Gute Designgrundsätze und -prinzipien würden diese Vorkommen nur auf die beschränken, die wirklich notwendig sind, um Inhalte zu vermitteln.

Beispieltabelle

Die folgende Tabelle ist ein Beispiel für einen Versuch, spezifische Designgrundsätze zu erstellen, die sich entlang von Bereichen orientieren, die übliche Probleme für Menschen mit kognitiven Behinderungen darstellen. Diese Informationen können leicht auf verschiedenste Weise organisiert werden – so könnte es beispielsweise viel mehr Sinn machen, sie nach der jeweiligen Form der Einschränkung anzuordnen, als alle in einer Tabelle zu organisieren. Wenn das jedoch gemacht werden würde, müssten einige technische Anforderungen mehrere Male wiederholt werden, da sie in mehreren Problemfeldern auftauchen. Kein Versuch wurde im übrigen unternommen, wirklich alle technischen Grundsätze einzuschließen, von denen Menschen mit kognitiven Behinderungen profitieren würden. Sechzehn Grundsätze werden aufgezählt – eine umfassende Liste würde wahrscheinlich viermal soviele technische Anforderungen beinhalten. Der entscheidende Punkt jedoch ist es, Rückmeldung bezüglich der Nützlichkeit einer solchen Liste für Webentwickler zu erhalten.

Designgrundsätze, die bei üblichen Problemen für Menschen mit kognitiven Behinderungen hilfreich sind

Grundsätze, die Menschen mit kognitiven Behinderungen helfen könnenWahrnehmung und VerarbeitungGedächtnisProblemlösungAufmerksamkeit
Verwende eine möglichst einfache Sprache für Inhalte (prüfe das erforderliche Leseniveau über automatisierte Tools).JaNeinNeinNein
Ermögliche, daß Text vergrößert werden kann.JaNeinNeinJa
Verwende Symbole oder Graphiken zusammen mit Text, um über den Kontext das Verständnis zu erleichtern.JaJaNeinNein
Vermeide sich bewegenden Text, da dies den Druck erhöht, mit einer bestimmten Geschwindigkeit zu lesen.JaNeinNeinJa
Hebe hohen Kontrast für Bereiche auf, die Inhalte transportieren, und erlaube es inhaltsleeren Bereichen, gedämpft oder in Pastellfarben dargestellt zu werden.JaNeinNeinJa
Stelle sicher, daß der Nutzer seine eigenen Layoutvorgaben verwenden kann und verzichte auf Farben oder Bilder, falls erwünscht.JaNeinNeinNein
Vermeide zeitbasierte Elemente (automatische Aktualisierungen, Weiterleitungen etc.), sofern dem Nutzer nicht ermöglicht wird, mehr Zeit zu beanspruchen.JaNeinNeinNein
Stelle sicher, daß nur für die Maus zugängliche (»on-mouse«) Bereiche groß und leicht klickbar sind.NeinNeinJaNein
Verwende eine überall konsistente und übersichtliche Navigation.NeinJaJaNein
Verwende konsistente Methoden zur Darstellung von Links (z. B. über blaue Farbe und Unterstreichung) und sorge dafür, daß sie beschreibend sind (vermeide z. B. »hier klicken« und »mehr«).NeinJaJaJa
Biete Demonstrationen oder Audiobeschreibungen, wann immer möglich.JaNeinJaJa
Biete Textabschriften für Medien mit Untertiteln, damit der Nutzer die hinter der Erzählung stehenden Konzepte nachvollziehen kann.JaJaJaNein
Verwende erkennbare und offensichtliche »Pfadfinder« (»Breadcrumbs«) im Design.JaJaJaJa
Gebrauche beschreibende Überschriften und andere organisatorische Techniken (z. B. Listensymbole), um Dokumente zu strukturieren.JaJaNeinNein
Verwende im Design eher großzügigen Leerraum, anstatt Seiten mit zuviel Informationen »vollzustopfen«.JaNeinJaJa
Vermeide animierte oder blinkende Symbole, solange diese nicht notwendig sind.JaNeinNeinJa