Kognitive Behinderungen

Teil 1: Wir wissen immer noch zu wenig, und wir tun noch viel weniger

Kognitive Behinderungen entsprechen den unter Webentwicklern am wenigsten verstandenen und diskutierten Behinderungen. Dies führt dazu, daß Entwickler Inhalte selten so entwerfen, daß sie Menschen mit kognitiven Behinderungen zugänglich sind – und es ist unwahrscheinlich, daß sich das über Nacht ändert, da die auf Barrierefreiheit im Internet bezogene Forschung relativ spärlich ist.

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Stand: 21.10.2004, Autor: pb

Ohne größere Forschungsbemühungen ist das Entwerfen für Menschen mit kognitiven Behinderungen spekulativer, vager sowie zudem schwieriger zu implementieren. Um die Sache noch komplizierter zu machen, sind viele kognitive Beeinträchtigungen eher unzureichend definierte Gebiete innerhalb der Forschung, da einige Behinderungen aufgrund der nicht unerheblichen Abweichungen, die es bei Menschen, die unter ähnlichen Ausprägungen leiden, gibt, manchmal schwierig zu diagnostizieren und charakterisieren sind.

Aufgrund eben dieser problematischen Natur des Definierens und Kategorisierens von kognitiven Behinderungen sollte es keine Überraschung sein, daß die Wissenschaft im Bezug auf kognitive Behinderungen bislang noch keine insgesamt ausreichenden Empfehlungen für Webentwickler hervorgebracht hat. Das soll aber nicht heißen, daß es keine Empfehlungen gibt. Einige Empfehlungen wurden in die Web Content Accessibility Guidelines des W3C inkorporiert, während andere an anderer Stelle vorgeschlagen wurden. Das Problem besteht darin, daß der Mangel an unterstützender Erforschung solcher Empfehlungen für latente Zweifel sorgt, was die Präzision und Vollständigkeit derer anbelangt.

Das erste Ziel dieses kurzen Artikels ist es, weitere Forschung zu ermutigen, die sich dem Gebiet des Entwerfens von Inhalten für Menschen mit kognitiven Behinderungen widmet.

Das zweite Ziel dieses Artikels ist es, Entwickler zu ermutigen, sich ernsthaft mit Benutzern mit kognitiven Behinderungen zu befassen. Es gibt weitaus mehr Nutzer mit kognitiven Behinderungen als mit allen anderen Behinderungen zusammen – wenn man Lern- und Lesestörungen, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome (ADS) und andere Zustände miteinbezieht.

Das dritte Ziel dieses Artikels ist es, eine vorläufige bzw. provisorische Liste von Empfehlungen zu veröffentlichen und um Rückmeldung und Anmerkungen dazu zu bitten.

Die folgende Liste an Empfehlungen ist weder endgültig noch allumfassend. Nicht alle dieser Empfehlungen sind leicht zu implementieren, noch sind sie unter allen Umständen notwendig, und nicht alle sind gleichartig anwendbar auf alle kognitiven Behinderungen. Um die Sache noch komplizierter zu machen, können manche dieser Empfehlungen sogar mit bestimmten Barrierefreiheitsrichtlinien in Konflikt stehen. Diese Konflikte können akut oder auch nicht sein, abhängig davon, wie diese Empfehlungen implementiert wurden (beachten Sie dazu auch den Artikel »Visuelle vs. kognitive Behinderungen«). Letztlich wird nicht jeder aus dem Gebiet der kognitiven Behinderungen unbedingt zustimmen, was die Gültigkeit oder Exaktheit dieser Empfehlungen betrifft. Diese Empfehlungen basieren auf einer Kombination aus existierender Forschung, gemeinschaftlich angenommenen optimalen Vorgehensweisen sowie wohldurchdachten Annahmen.

Diese Liste von Empfehlungen kann für Entwickler bereits in ihrem gegenwärtigen Zustand nützlich sein, aber die Hoffnung geht dahin, daß Forscher und Entwickler diese als zu evaluierende Hypothesen behandeln. Bitte prüfen Sie diese Empfehlungen auf Herz und Nieren! WebAIM ist sehr daran interessiert, über jegliche auf diese Themen bezogene Forschung zu erfahren.

Empfehlungen, um Webinhalte für Menschen mit kognitiven Behinderungen zugänglich zu machen

  1. Erstelle umwandelbare, »reichhaltige«, multimodale Inhalte.

    1. Umwandelbar

      1. Erlaube es Schrift, vergrößert zu werden.
        Das Vermögen, Schrift zu vergrößern, hängt von den Fähigkeiten des User-Agents (Browser) ab, jedoch sollten relative Einheiten absoluten Einheiten vorgezogen werden. Nutzen Sie z. B. eher »em« oder »%« als »pt« oder »cm«.
      2. Verwende eher wirklichen oder vektorbasierten Text als Text in rasterbasierten Bildern, um eine qualitativ bessere Vergrößerung ohne »Verpixelung« zu ermöglichen.
        Wirklicher Text ist immer die beste und am besten umwandelbare Methode, textliche Inhalte zu übertragen. Wenn Text innerhalb von Graphiken oder »reichhaltigen« Medien verwendet wird, lassen sich vektorbasierte Formate (wie Flash oder SVG) besser vergrößern als rasterbasierte Formate (wie JPG, GIF, BMP).
      3. Biete alle Inhalte in einem Textformat an, so daß sie von Text-nach-Sprache-Synthesizern laut vorgelesen werden können.
        Inhalte können als reiner Text, HTML, als »alt«-Text bei Bildern oder in irgendeiner anderen Form mit wirklichem Text vorliegen, auf den über assistive Technologien zugegriffen werden kann. Es mag unter bestimmten Umständen sinnvoll sein, die Textversion von der Medienversion zu trennen (z. B. bei Transskripten – Abschriften – für Videos).
    2. Multimodal

      1. Illustriere Konzepte mit Zeichnungen, Diagrammen, Fotos, Audio-Dateien, Videoklips, Animationen und anderen nicht-textlichen Medien.
        Kommunizieren Sie mit dem Benutzer durch so viele verschiedene sensorische Modalitäten und Eingabemodi wie möglich (Sehvermögen, Gehör, Interaktion, Vorlesung etc.), um die Chance zu erhöhen, daß die Inhalte verstanden werden.
      2. Biete synchronisierte Untertitel und Transskripte für den Audiobereich zeitbasierter Medien.
        Fügen Sie Videos Untertitel hinzu (z. B. über SMIL oder SAMI) und bieten Sie Links zu Text-Abschriften.
      3. Biete Audiobeschreibungen von visuellen Ereignissen in zeitbasierten Medien.
        Erzählen Sie von den in Videos sichtbaren Aktionen, so daß diese allein durch das Zuhören verstanden werden können.
  2. Bündele die Aufmerksamkeit des Nutzers.

    1. Sensorischer Fokus

      1. Verwende eher weiche Farben (z. B. Pastelltöne) für graphische Elemente als stark kontrastreiche Farben. (Anmerkung: Dies wird nicht überall akzeptiert.)
        Wenn Sie Hintergrundfarben gebrauchen, um Abschnitte auf einer Seite zu differenzieren, bevorzugen Sie weiche Farben gegenüber kontraststarken Farben.
      2. Begrenze die Zahl von Schriftarten in einem Dokument.
        Verwenden Sie in jedem einzelnen Dokument nur eine Schrift oder nur eine sehr geringe Anzahl an Schriften.
      3. Schränke die Verwendung von Kursivschrift oder VERSALIEN ein.
        Vermeiden Sie Kursivschrift und Versalien im größtmöglichen Maße, um die Lesbarkeit zu verbessern.
      4. Vermeide Hintergrundklänge, die den Nutzer ablenken (z. B. Hintergrundmusik).
        Gestatten Sie es dem Benutzer, sich auf den Hauptinhalt zu konzentrieren, ohne von irgendwelchen Klängen abgelenkt oder irritiert zu werden.
      5. Verwende Geräusche, um die Aufmerksamkeit des Nutzers zu bündeln (bieten Sie Hilfestellung, weisen Sie auf Fehler hin etc.).
        Bieten Sie hörbare Anhaltspunkte, die dem Benutzer helfen, sich auf den Inhalt zu konzentrieren.
      6. Integriere Leerraum – inhaltslosen Platz – um Inhalte herum sowie zwischen Absätzen und Überschriften.
        Pressen Sie das Design nicht zusammen.
      7. Vermeide komplexe oder »konfuse« Hintergründe.
        Erstellen Sie nicht belanglose visuelle »Informationen«, die vom eigentlichen Inhalt ablenken.
    2. Inhaltlicher Fokus

      1. Stelle die wichtigen Bereiche (Schlüsselstellen) eines Absatzes im ersten Satz dar.
        Verstecken Sie nicht wichtige Punkte in der Mitte eines Absatzes bzw. Abschnitts.
      2. Organisiere Inhalte über Überschriften, Listen und andere visuell bedeutungsvolle Organisationsmuster in gut definierten Gruppen oder Abschnitten.
        Machen Sie die Struktur des Dokuments so offensichtlich wie möglich.
      3. Hebe Textpassagen hervor, wenn sie vorgelesen werden (oder erlaube Nutzern, diese Option zu aktivieren).
        Diese Empfehlung ist am ehesten anwendbar bei »reichhaltigen« Medien wie Flash oder SVG, die über keine ursprünglichen Beschriftungsmöglichkeiten verfügen, sowie dort, wo Untertitel nicht durch Programmierung oder Skriptsprachen hinzugefügt werden.
      4. Betone wichtige Textabschnitte oder die Überschriften von Textabschnitten über Fettschrift oder größere Schriftgröße.
        Verwende fetten und/oder großen Text, um wichtigen Text visuell zu unterstreichen. Anmerkung: Die Standarddarstellung von HTML-Überschriften ist fett und groß, so daß keine Notwendigkeit besteht, spezielles Markup zu gebrauchen, um diesen Effekt zu erzielen.
    3. Interaktionsfokus

      1. Biete multimodale Navigationshinweise (z. B. Text + graphische/visuelle Hervorhebung + auditive Anweisungen + animierte Demonstration).
        Helfen Sie Nutzern, zu wissen, was zu tun ist und wie mit den Inhalten interagiert werden kann (kreieren Sie z. B. eine Stimme, die »klicke den weiter-Button, um zur nächsten Seite zu gelangen« sagt, oder ein Geräusch, das Fehlermeldungen begleitet, oder heben Sie den »weiter«-Button visuell hervor etc.).
      2. Biete Feedback auf Aktionen des Nutzers (z. B. über die Bestätigung einer richtigen Auswahl oder das Alarmieren des Benutzers bei Fehlern).
      3. Biete Hilfestellung oder Anleitung bei fremdartigen Oberflächen.
  3. Entwerfe eine konsistente Umgebung.

    1. Stelle sicher, daß ähnliche Oberflächenelemente und ähnliche Interaktionen in voraussagbar ähnlichen Ergebnissen resultieren.

    2. Schaffe ein Navigationsschema, das über alle Seiten einer Webseite oder innerhalb in Beziehung stehender Abschnitte einer Webseite konsistent ist.

  4. Erstelle einfache, präzise Inhalte.

    1. Verwende eine deutliche und einfache Sprache.

      Diese Empfehlung ist schwierig zu beurteilen und evaluieren, aber wichtig.

    2. Vermeide tangentiale Informationen.

      Bleiben Sie beim Hauptthema.

    3. Verwende korrekte Grammatik und Rechtschreibung.

      Gebrauchen Sie ein Programm zur Rechtschreibprüfung. Schreiben Sie gut.

  5. Gib dem Nutzer ausreichend Zeit, um auf Inhalte zuzugreifen und mit ihnen zu interagieren.

    1. Lege bei Inhalten keine kurzen »Verfallszeiten« fest.

      Vermeiden Sie weitestgehend zeitbezogene JavaScript-Funktionen, selbstaktualisierendes HTML-Markup sowie andere Arten zeitlich festgelegter Weiterleitungen.

    2. Wenn ein bestimmtes »Ende« wirklich notwendig ist, ermögliche es Benutzern, mehr Zeit zu beanspruchen.

      Erlauben Sie es Nutzern, Einstellungen vorzunehmen und/oder alarmieren Sie sie, wenn die Zeit für eine bestimmte Aktion abläuft – und geben Sie ihnen die Möglichkeit, diesen Zeitraum zu verlängern.

  6. Ermögliche es Nutzern, unbeabsichtigte oder fehlerhafte Aktionen zu vermeiden bzw. rückgängig zu machen.

    1. Bitte Benutzer, ihre Auswahl zu bestätigen.

    2. Bevorzuge bei komplexen Interaktionen eher kurze, mehrschrittige gegenüber langen, aus nur einer Seite bestehenden Formularen.