Mobile Barrierefreiheit – Wie denken Sie darüber und was ist an dem Thema wichtig?

Rund um das Thema mobile Endgeräte, digitale Barrierefreiheit und mobile Accessibility gibt es viele Meinungen, Überlegungen und Ideen. Wir fragen bei Menschen nach, die das Thema interessiert und dazu etwas zu sagen haben.

Stand: 03.05.2013

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Interview mit Silke Horn

Frau Horn, wie relevant ist das Thema »Accessibility« und »Barrierefreiheit« bei der mobilen Internet-Nutzung für Sie?
Das Thema ist sehr wichtig für mich. Statt dem Wort »Accessibility« benutze ich lieber das deutsche Wort »Zugänglichkeit«. Die Zugänglichkeit aller Internet-Inhalte ist ein wichtiges Marketing-Instrument. Zugänglichkeit und Barrierefreiheit sind nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern beispielsweise auch für Suchroboter von Vorteil. Eine Webseite, die barrierefrei gestaltet wurde, wird auch besser im Internet gefunden. Bei der mobilen Nutzung ist vor allen Dingen wichtig, dass die Inhalte auch über kleine Smartphone-Bildschirme gut lesbar oder zumindest vergrößerbar sind.
Welche Erfahrungen haben Sie selber als Nutzerin mobiler Internet-Geräte (z.B. Smartphone) mit Barrierefreiheit gemacht?
Ich definiere Barrierefreiheit auch mit Hersteller- und Betriebssystemunabhängigkeit. Es gibt viele interessante Apps oder Internet-Angebote, die zwingend ein bestimmtes Smartphone oder ein bestimmtes Betriebssystem verlangen. Als Entwicklerin kenne ich auf der anderen Seite allerdings auch die technischen Grenzen.
Eine Zeit lang gab es die Tendenz, die Handys immer kleiner zu bauen. Dem sind natürlich Grenzen gesetzt. Jetzt gibt es auch sogenannte Senioren-Handys (z.B. von Motorola) mit großen Tasten, großer Schrift, hohem Kontrast, Sprachansage und wenigen Funktionalitäten (z.B. nur telefonieren).
Ich selber habe lange Zeit die Smartphones mit Touchscreen verweigert. Mir fehlte die taktile Information, wann eine Taste gedrückt wird. Obwohl ich inzwischen selbst ein iPhone nutze, habe ich oft noch Schwierigkeiten beim Schreiben von Texten, weil ich daneben tippe. Die Buchstaben-Tasten finde ich zu klein. Die visuelle Kontrolle beim Schreiben über Touchscreen ist notwendig, blind schreiben unmöglich. Zum Glück funktioniert die automatische Texterkennung relativ gut und gleicht Tippfehler meistens wieder richtig aus.
An diesem Beispiel kann man gut sehen, wie Barrierefreiheit unterschiedlich definiert wird. Für die einen Nutzer sind Touchscreens ein Segen in Bezug auf intuitive Bedienbarkeit, aber Touchscreens grenzen auch ganz klar Menschen mit bestimmten Behinderungen aus, beispielsweise solche, die nur recht grobmotorisch noch ihre Finger bewegen können oder eine Seh-Einschränkung haben. Wenn hier eine Funktionalität weggenommen wird, wie z.B. die taktile Information über Tasten, muss dies über eine weitere Funktionalität (z.B. Sprachausgabe) wieder ausgeglichen werden.
Was muss und kann verbessert werden? Welche Aspekte der Barrierefreiheit sollten mobile Internet-Geräte erfüllen, hinsichtlich verschiedener Behinderungen (Sprache, Sehen, Hören, Motorik, etc.)?
Wie schon bei der letzten Frage erwähnt, gibt es zu allen technischen Entwicklungen Vor- und Nachteile. In Bezug auf die Barrierefreiheit denke ich, dass man wirklich für jede Behinderung eine genaue Anforderungsanalyse machen muss. Ich halte es für illusorisch, eine App entwickeln zu können, die für jede Behinderung geeignet ist. Auch in Bezug auf Hardware muss man genau analysieren, welches Smartphone beispielsweise für welche Behinderung besonders gut geeignet ist.
Hier sind vor allen Dingen die Hersteller der Hardware gefragt. Blackberry hat beispielsweise ein Smartphone, welches sich sowohl über einen Touchscreen als auch über Tasten bedienen lässt. Bei solchen Smartphones werden Menschen mit motorischen Behinderungen nicht ausgeschlossen.
Manche Tablets (z.B. iPads) lassen sich nicht mit einer Maus bedienen. Andere Tablets schon. Die Hersteller müssen also sensibilisiert werden, dass sie mit einer Neu-Entwicklung nicht nur neue Zielgruppen erschließen, sondern mit dem Weglassen einer bisherigen Bedienmöglichkeit andere Zielgruppen ausschließen. Unabhängig von jeder Behinderung finde ich es wichtig, dass Anwendungen leicht und intuitiv zu bedienen sind. Bedienhinweise sollten deutlich, einfach verständlich und in deutscher Sprache vorhanden sein.
Können Sie Beispiele nennen, bei denen mobile Barrierefreiheit überzeugend umgesetzt worden ist?
Ich würde sagen: Jein! Hier kommt es auf die Anforderungen und die Zielgruppen an. Auch auf die Nachfrage! Es gibt gute Ideen und gute Ansätze. Als ein Kollege mir zum ersten Mal zeigte, wie gut SIRI auf Sprachbefehle reagiert, war ich begeistert. Aber ein Mensch mit motorischen Behinderungen kann den Knopf zum Aktivieren von SIRI nicht selbst drücken.
Oft sind es die reinen Hardware-Schnittstellen, die den Unterschied zwischen Barriere oder Barrierefreiheit ausmachen.
Bei meinen eigenen Recherchen zum Thema »Talker« bzw. Apps für Menschen mit einer Sprachbehinderung kam ich immer auf dieselben Hindernisse: Apps wurden zwar entwickelt, jedoch mit der gleichen Komplexität und Funktionalität, also eine bereits bestehende Software wurde für ein Smartphone umgeschrieben. Aufgrund dieser Komplexität war die Bedienung umständlich. Teilweise musste Grammatik und Vokabular mit einem Computer synchronisiert werden, somit benötigte man neben dem Smartphone noch zusätzliche Hard- und Software. Die Computerstimmen von diesen Apps sind oft unverständlich oder zu leise und es sind nur sehr wenige Apps in deutscher Sprache vorhanden. Hier liegt die Herausforderung an die Entwickler, altbekannte Wege zu verlassen und eine App völlig neu zu konzipieren.
Welche Potenziale sehen Sie für Nutzerinnen und Nutzer mit Behinderungen bei diesem Thema?
Ich arbeite sehr eng mit Beratern zusammen, die selbst eine Behinderung haben. Ich habe auch behinderte Freunde, die mir ihre Schwierigkeiten in der Bedienung von mobilen Internet-Geräten schildern. Aus diesen Schilderungen weiß ich, dass es nicht DIE Hardware oder DIE Software gibt für bestimmte Behinderungen.
Es wäre unter Umständen notwendig, mit Betroffenen oder Behindertenverbänden Mindeststandards für mobile Apps oder Internet-Anwendungen zu entwickeln. Innovation entsteht durch Mangel und durch Nachfrage. Wenn mir Menschen mit Behinderung ihre Anforderungen an Hard- und Software schildern, so kann ein auf diese Anforderungen zugeschnittenes Produkt eine Nische besetzen und habe auf dem Markt entsprechende Chancen. Manchmal sind die Anforderungen total simpel im Sinne von: wenig Funktionalitäten (z.B. Senioren-Handys), einfache Bedienbarkeit (nur wenig verschachtelte Menüs) oder deutsche und einfache Sprache. Jede Behinderung ist anders und jede Nutzerin und jeder Nutzer muss individuell herausfinden, welche Hardware und welche Anwendungen für ihn am besten geeignet sind.Ich sehe hier ein großes Potenzial und auch einen großen Markt.