Gehörlose können doch lesen … ?

In Deutschland gibt es schätzungsweise 80.000 gehörlose Menschen und etwa 1,5 Millionen sind schwerhörig oder postlingual ertaubt, dazu kommt die Gruppe der Altersschwerhörigen.

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Stand: 05.05.2003, Autorin: cl

Als Gehörlose gelten Menschen dann, wenn sie eine so gravierende Hörschädigung aufweisen, dass sie nicht in der Lage sind, Sprache ausschließlich über das Gehör aufzunehmen und zu interpretieren. Die auditive Wahrnehmung von Sprache ist bei ihnen, selbst bei verfügbaren, geringen Hörresten, auch mit technischen Hörhilfen nicht möglich.

Wichtigstes Merkmal der Gehörlosigkeit ist eine allgemeine Beeinträchtigung der Sprache. Für Gehörlose ist das Erlernen von Lautsprache auf normale Art und Weise nicht möglich. Nicht nur die lautsprachliche Kommunikationsfähigkeit des gehörlosen Menschen wird durch die Gehörlosigkeit beeinträchtigt, sondern auch die kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen, die für die zwischenmenschliche Kommunikation förderlich sind. Der soziale Kontakt der gehörlosen Menschen mit der hörenden Umwelt wird erschwert, weil die Verwendung der Lautsprache in der Gesellschaft vorherrschend ist. Nicht hören zu können bedeutet daher im Allgemeinen einen sehr weitgehenden Ausschluss von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Gehörlose Menschen

Foto: DGS-Dolmetscherin bei der Verleihung der BIENE 2006

Gehörlose verfügen über eine visuelle Sprache, die Deutsche Gebärdensprache (DGS), die das gleiche qualitative Ausdrucks- und Leistungsvermögen wie die Lautsprache erreichen kann. Die beiden Sprachen, d. h. die Lautsprache und die Gebärdensprache, sind unterschiedlich strukturiert, da sie zwei verschiedene Sinne ansprechen. Der Unterschied besteht in ihrer Realisierung: die eine verfährt akustisch – auditiv und die andere visuell – motorisch, die eine ist sequentiell und die andere räumlich gegliedert.

Statistisch gesehen verlassen bis heute ca. 80% der Gehörlosen mit einer enormen sprachlichen Rückständigkeit trotz größter Mühe ihre Gehörlosenschule, praktisch als Analphabeten mit einem Schreibpotential von hörenden Dritt- oder Viertklässlern. Auch ist es eher die Ausnahme, dass von Geburt an Gehörlose einigermaßen verständlich sprechen oder sich in der Schriftsprache frei bewegen. Neben den schulischen oder leistungsbezogenen Problemen treten enorme emotionale, geistige und soziale Störungen bzw. Entwicklungsverzögerungen bei ihnen durch Kommunikationsmängel schon in frühester Kindheit auf.

Bedingt durch den gesamt defizitären Entwicklungsstand Gehörloser ist die Kommunikationsfähigkeit selbst innerhalb der Gebärdensprache oft sehr eingeschränkt bzw. reduziert sich auf das Notwendigste.

Schwerhörige Menschen

Die Schwerhörigen bilden die größte Gruppe der Hörgeschädigten. Als schwerhörig wird bezeichnet, wer vermindert hört, aber noch in der Lage ist, Sprache und andere akustische Eindrücke, eventuell mit Hilfe eines Hörgerätes, über das Gehör wahrzunehmen. Sie beherrschen meistens zwar die Lautsprache, benötigen aber, abhängig vom Ausmaß der Hörschädigung, unterschiedliche Hilfen wie technische Hörhilfen, lautsprachbegleitende Gebärden (LBG), das Mundablesen oder gar die Mischung mehrer Hilfen.

Lippenlesen besteht zu 75% aus Vermuten, Erraten, gestützt auf die Deutung von Hinweisen aus dem Kontext der äußerungen. Hierzu einige simple Beispiele: »aus«»Haus«»raus« oder »Butter«»Mutter« oder gar »Mama«»Papa«.

Spätertaubte Menschen

Spätertaubt ist, wer nach dem Lautspracherwerb, also etwa ab dem 3. Lebensjahr durch eine Krankheit oder einen Unfalls sein Gehör verliert. Das Kommunikationsverhalten der Spätertaubten ist ähnlich wie das der Schwerhörigen. Schwerhörige und Ertaubte zusammen bilden die Gruppe der Hörgeschädigten.

Angesichts der Kommunikationsbarrieren (Lautsprache/ komplizierte Schriftsprache vs. Gebärdensprache/ vereinfachte Schriftsprache) sind gehörlose, hör- und lernbehinderte Interessenten mit ihrer rudimentären schrift- sowie lautsprachlichen Kompetenz und blinde sowie sehbehinderte Menschen aufgrund der schriftsprachlichen Kommunikationsbarrieren vom Teilhabe an der Informationsgesellschaft ganz ausgeschlossen.