Lernbehinderung und Barrierefreiheit

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Stand: 15.01.2004, Autor: pr

4. Inhaltliche Barrierefreiheit von Websites

Überlegen Sie wie barrierefrei der eigentliche Inhalt für den Benutzer ist

Forschungen zeigen, dass Leser auf einen Text am Computer um 25 % langsamer zugreifen (Nielsen, 2000). Dies sollte beachtet werden, wenn man Informationen ins Web stellt.

Stellen Sie Schlüsselinformationen, Anweisungen und Aufgaben an den Anfang einer Seite – und/oder einen einleitenden Text, der die Inhalte der Seite/Bereiche und die Erwartungen erklärt (Blankfield et al., 2002).

Die Lesbarkeit von Text ist ausschlaggebend für eine benutzbare Website

In einer Studie von Morkes und Nielsen mit dem Titel «How to write for the Web«, haben fünfzehn von neunzehn Teilnehmern ihnen unbekannten Web-basierten Text erst überflogen, bevor sie ihn gelesen haben.

Die gleiche Studie schlägt vor dass ein »überfliegbarer, präziser und objektiver Schreibstil einen positiven Unterschied in der Leistung der Web-Nutzer und der subjektiven Zufriedenheit macht« (Morkes und Nielsen, 1997). Es wurde außerdem festgestellt, dass einfaches und informatives Schreiben den meisten anderen Formen vorgezogen wird.

Es wurde herausgefunden, dass Benutzer, denen präzise geschriebener Text vorgesetzt wurde, ein um 42 % besseres Erinnerungsvermögen an den Inhalt der Seite hatten als die Kontrollgruppe, die einen der üblichen werblichen Texte erhalten hatten. Es wurde außerdem herausgefunden, dass die Benutzer bedeutend weniger Aufgabenfehler machten als die Kontrollbenutzer.

»Elemente, die das Überfliegen verbessern, also Überschriften, große Schrift, fetter Text, hervorgehobener Text, Listen, Grafiken, Bildunterschriften, Themenüberschriften und Inhaltsverzeichnisse« (Morkes und Nielsen, 1997) sollten wann immer möglich hinzugefügt werden.

Inhalt für Menschen mit Dyslexie lesbar machen

Menschen mit Dyslexie und anderen spezifischen Lernstörungen haben unter Umständen nicht die Fähigkeit, Dokumente zu überfliegen (als Mittel zum schnellen Lesen), aber sie könnten in der Lage sein, ihre Lesezeit effektiver zu nutzen, wenn sie die Abschnitte, in denen sie sich befinden oder das Thema, welches der Text behandelt, identifizieren können.

Autoren sollten versuchen auf eine klare, durchgängige und präzise Art zu schreiben. Das Material sollte auf einer akademischen Ebene, die passend für die beabsichtigte Zielgruppe ist, geschrieben sein.

»Machen Sie Informationen explizit – besonders die Lernergebnisse, Bewertungskriterien und Online-Erwartungen. Lassen Sie diese Informationen nicht zwischen anderem Material verloren gehen« (Blankfield et al., 2002).

Stellen Sie sicher, dass der Bildschirm nicht überfüllt ist und lassen Sie genügend Freiraum

Nur eine begrenzte Menge an Informationen sollte daher auf einer Seite gezeigt werden, so dass Scrollen vermieden und Informationsüberfrachtung verringert wird.

Die Art, in der Text geschrieben wird, kann einen Einfluss auf den Leser haben. Lange und komplizierte Sätze können für den Leser schwer zu navigieren und zu verstehen sein.

  • Benutzen Sie kurze, einfache Sätze mit klaren Anweisungen.
  • Benutzen Sie präzise Absätze mit klaren Themenüberschriften.
  • Seien Sie sich darüber bewusst, wo Sätze auf einer Seite beginnen. Der Beginn eines neuen Satzes am Ende einer Zeile erschwert es, diesem zu folgen. Geben Sie klare Anweisungen. Vermeiden Sie lange Sätze mit Erklärungen.
  • Benutzen Sie Listenzeichen oder Nummerierungen bei Listen.
  • Benutzen Sie Grafiken, die komplexen Text erläutern, wenn dies angebracht ist.
  • Benutzen Sie die Auszeichnungselemente abbr> und acronym>, um Abkürzungen und Akronyme zu erklären.

Benutzen Sie Hervorhebungen um Schlüsselworte und Konzepte herauszustellen

Benutzen Sie zur Hervorhebung fette Schrift, um Schlüsselworte, Ideen und Konzepte zu betonen. Benutzen Sie zur Auszeichnung von Inhalten vorzugsweise die strukturellen Elemente em> oder strong> (entspricht hervorgehobenem Text und stark hervorgehobenem Text) statt die Darstellungselemente b> oder i>. Stellen Sie sicher, dass Cascading Style Sheets benutzt werden um für diese Tags einen fetten, nicht-kursiven und nicht unterstrichenen Text darzustellen. Eine unterschiedliche Farbe könnte zur visuellen Unterscheidung benutzt werden.

Das Hervorheben (des Hintergrundes) ist ein sehr gutes Mittel, um die Aufmerksamkeit des Lesers auf die wichtigsten Punkte des Textes zu ziehen. Das Hinzufügen von Farbe kann die Chance, dass Informationen in das Langzeitgedächtnis aufgenommen werden, erhöhen.

Zum besseren Verständnis Absätze mit Überschriften versehen

Gemäß Bransford und Johnson (1972) konnten sich Teilnehmer, die Passagen mit Überschriften gelesen haben, an ungefähr die doppelte Menge an Punkten aus den entsprechenden Passagen erinnern und hatten ein größeres Verständnis des Inhaltes als Teilnehmer, die keine Passagen mit Überschriften hatten.

Benutzen Sie alternative Inhalte

Jeder hat unterschiedliche Lernstile. Es ist wichtig, dies in Betracht zu ziehen, wenn man Ideen und Konzepte präsentiert.

Die im Folgenden beschriebenen Lernstile werden üblicherweise benutzt, um die Fähigkeiten und Schwierigkeiten eines Menschen mit Dyslexie einzuschätzen.

Berücksichtigen Sie die folgenden Lernstile von Bandler & Grinder (1982):

Visuelle Lerntypen:

Lernen durch Sehen. Die Lernenden dieser Kategorie ziehen es vor, Bilder und Diagramme zu sehen. Sie mögen Vorführungen, Lesen oder das Ansehen eines Videos. Visuell Lernende sind normalerweise gute, schnellere Leser und würden lieber selber lesen als etwas vorgelesen zu bekommen. Einige Menschen mögen es einfacher finden, lange, wortreiche Erklärungen zu haben, während andere einen alternativen Lernstil bevorzugen. Der visuell Lernende mag es, wenn Informationen durch Bilder, Diagramme, visuelle Darstellungen von Relationen zueinander usw. dargestellt werden.

Auditive Lerntypen:

Lernen durch Hören. Die Lernenden dieser Kategorie mögen es, Audiokassetten zu hören oder durch Vorlesungen, Debatten, Diskussionen oder verbale Anweisungen zu lernen. Auditiv Lernende werden leicht durch Geräusche abgelenkt und tendieren dazu, etwas sagen zu müssen, um es zu behalten. Sie finden das Schreiben schwieriger und bevorzugen akustische und mündliche Kommunikation. Sogar Material, das eine Anzahl von Multimedia Clips-, Video- und/oder Audio-Elementen benutzt, fordert den visuellen Fähigkeiten eine Menge ab.

Kinästhetische Lerntypen:

Lernen durch Handeln. Diese Lernenden mögen es, Dinge anzufassen, Objekte zu manipulieren und das Lernen direkt zu erfahren. Sie haben Schwierigkeiten dabei, sich an abstrakte Ideen zu erinnern und verlassen sich auf Verstärkungsübungen um wirklich in der Lage zu sein, Ideen begrifflich zu fassen und sich diese zu merken.

Durch das Verstehen dieser Lernstile sollten wir folgendes in Betracht ziehen:

  • Eine Inhaltsseite am Anfang und einen Index am Ende langer Dokumente.
  • Flussdiagramme für das Erklären von Vorgehensweisen.
  • Diagramme, die helfen, räumliche Konzepte zu erklären.
  • Piktogramme und Grafiken die helfen, Informationen zu orten, indem sie das Auge anziehen und das visuelle Erinnerungsvermögen stimulieren.
  • Listen mit »dos« und »don’ts«, die hilfreicher sind als Fließtext, um Aspekte von empfohlenen Vorgehensweisen hervorzuheben.
  • Ein Glossar mit Abkürzungen und Jargon (wenn möglich benutzen Sie das abbr> Element aus HTML).
  • Audio-Dateien von Textpassagen.
  • Videos, um visuelle Konzepte zu demonstrieren.
  • Benutzen Sie bei Videos Untertitel mit Schlüsselworten, um das Verständnis zu fördern und das Erinnerungsvermögen zu unterstützen.

»Worte und Bilder können eine mächtige Kombination sein, aber sie müssen gemeinsam funktionieren« (Morkes und Nielsen, 1997). Bilder können benutzt werden, um einen Unterschied zwischen Seiten zu markieren und ebenso dazu, um Bereiche einer Site zu identifizieren. Bilder sollten nur benutzt werden, um Text zu ergänzen; sie sollten also eine alternative Darstellung von Informationen sein, was besonders hilfreich ist, wenn ein visuelles Konzept beschrieben wird.

Lineares oder ganzheitliches Denken?

Menschen mit Dyslexie beschreiben sich selber oft als Menschen, die anders als andere denken. Es wird angenommen, dass sie ganzheitlich denken and dass sie der Meinung sind, andere denken linear.

Gordon Pask (2001) entwickelte einen systemübergreifenden Ansatz zum Lernen, der sehr abstrakt und schwierig aber auch lohnend ist: Dies wird in den »Konversations«-Modellen des Lernens von Laurillard (2002) und Thomas und Harri-Augstein widergespiegelt. Pask stellte sich zwei verschiedene Lernstrategien vor: »linear« und »ganzheitlich«.

»Wenn sie mit einem unbekannten Thema konfrontiert werden, dann gehen die linear denkenden Menschen dieses Thema Schritt für Schritt an, indem sie es vom Bekannten zum Unbekannten hin mit den einfachsten möglichen Verbindung zwischen den Wissenspunkten ausbauen. Die ganzheitlich Denkenden auf der anderen Seite suchen einen übergreifenden Rahmen und erforschen dann die darin liegenden Punkte auf eine mehr oder weniger willkürliche Art und Weise bis sie das ganze ausgefüllt haben« (Atherton, 2002).

Vermeiden Sie multi-sensorische Überfrachtung oder falsche Annahmen

Bieten Sie keine Video- oder Audio-Inhalte an, außer der Benutzer wünscht es, d. h. starten Sie nicht automatisch beim Laden der Seite eine Audiodatei; geben Sie dem Benutzer stattdessen die Möglichkeit, das Abspielen der Audio-Datei selber zu kontrollieren.

Stellen Sie sicher, dass Text und Multimedia-Elemente den gleichen Inhalt anbieten. Verlassen Sie sich nicht auf die multimedialen Elemente, um Inhalte zur Verfügung zu stellen.

Den Text benutzbar machen, wenn er von einer Sprachausgabe gelesen wird

Wie bereits früher erklärt finden mache Lernenden, dass das Hören eines laut vorgelesenen Textes beim Lernen hilft. Assistive Technologien wie Sprachausgaben oder echte Screenreader können benutzt werden, um synthetische Sprache des laut vorgelesenen Textes zu produzieren. Es gibt einige Punkte, die man im Kopf behalten sollte, wenn man Informationen für die Benutzung mit Sprachausgabe-Programmen vorbereitet.

  • Benutzen Sie Semikolons, Kommata oder Punkte nach Listenpunkten, um jeden Punkt voneinander zu trennen.
  • Nummerieren Sie Menüpunkte als Navigationshilfe.
  • Schreiben Sie Worte nicht in reinen Grossbuchstaben, da diese als einzelne Buchstaben vorgelesen werden könnten.
  • Vermeiden Sie die Benutzung von ASCII-Zeichnungen und unnötigen Symbolen (z. B. #-:-> ) da diese von einer Sprachausgabe laut gelesen werden.
  • Wenn Sie Textdokumente benutzen, dann setzen Sie bei Abkürzungen Punkte, z. B. BDA sollte B.D.A. sein.
  • Benutzen Sie bei Bildern alt-Attribute, besonders wenn diese funktionellen Nutzen haben z. B. »Link zur Startseite«. Benutzen Sie außerdem leere alt-Attribute (alt="") für rein darstellende Bilder, die keine Informationen vermitteln.

(nach X04Frendly, BDA, 2000)