Lernbehinderung und Barrierefreiheit

Dieser Artikel soll Webentwicklern einen Einblick in das Thema Barrierefreiheit für Benutzer mit Lese- und Rechtschreibschwäche (Dyslexie) und anderen spezifischen Lernbehinderungen geben. Er deckt die vier Hauptbereiche der Barrierefreiheit ab: Darstellung, Inhalt, Struktur und Navigation. Das Material, das in diesem Artikel behandelt wird, ist Teil der Forschung von TechDis im Bereich der Benutzbarkeit und Barrierefreiheit von elektronischen Lehrmaterialien.

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Stand: 15.01.2004, Autor: pr

1. Einleitung

Sie können nicht einfach nur Informationen hochladen und den Cyberspace verstopfen. Jeder, der eine Website erstellt, sollte sich die Mühe machen, die Informationen zu organisieren.

(Morkes und Nielsen, 1997)

Bildschirmfoto einer Simulation der Auswirkungen von Dyslexie Innerhalb des Bildungssektors nimmt der Gebrauch von elektronischen Materialien weiter zu. Mitschriften von Vorlesungen und anderes Studienmaterial werden online zur Verfügung gestellt werden, um es dem Studenten zu ermöglichen, auf das Material zu einer selbst gewählten Zeit und in der eigenen Geschwindigkeit zuzugreifen. Virtuelle Lernumgebungen und Intranets werden immer häufiger für die Speicherung und Bereitstellung von Lernmaterialien genutzt.

»Es wird angenommen, dass in Großbritannien zwischen 1.2 % und 1.5 % der Studenten im Bereich der höheren Schulbildung eine Lese-/Rechtschreibschwäche haben« (Singleton, 1999), obwohl die Anzahl der Studenten während der letzten Jahre stetig zugenommen hat. Dies liegt am positiven Effekt der »Widening Participation Initiative« (WPI) und dem gewachsenen Bewusstsein in Bezug auf diese Störung, was dazu führt, dass mehr Diagnosen erfolgen und die Anzahl der Schüler und Studenten mit Dyslexie zunimmt, die in den tertiären Bildungsbereich aufrücken.

»Obwohl das Bewusstsein und die Unterstützung für lese-/rechtschreibschwache Schüler und Studenten im letzten Jahrzehnt dramatisch zugenommen hat« (Gilroy & Miles, 1996), muss weiterhin das Bewusstsein für Probleme des Zugangs zu elektronischen Medien für dyslektische Studenten erhöht werden.

Die Web Accessibility Initiative (WAI) und andere Richtlinien zur Barrierefreiheit setzten ihren Schwerpunkt auf Forschungen in Bezug auf sehbehinderte und blinde Menschen. Es gibt allerdings zu wenige Forschungsergebnisse, die sich speziell mit den Problemen, die mit der Barrierefreiheit für Menschen mit Dyslexie und anderen spezifischen Lernbehinderungen beschäftigen – dies will dieser Artikel ändern.

Die Barrierefreiheit von elektronischem Material sieht sich einem großen Spektrum von Problemen gegenüber; nicht nur dem der Lesbarkeit von Text, sondern auch dem der gängigen Schwierigkeiten, denen sich auch Leser einer gedruckten Seite gegenüber sehen. Diese Probleme umfassen solch verschiedene Aspekte wie Lesbarkeit, Kontrolle des Benutzers über die Darstellung und Informationsarchitektur.

Dieser Artikel kombiniert Wissen, das aus der Erfahrung von Praktikern abgeleitet wurde mit Forschungen aus dem Bereich der Usability (Gebrauchstauglichkeit). Darüber hinaus wird versucht, einige Schlussfolgerungen zu ziehen (und Annahmen zu machen) über die Bedürfnisse von Schülern und Studenten mit bekannten dyslektischen Schwierigkeiten und ihren Implikationen, wenn sie elektronisches Material verwenden. Die meisten Ratschläge, die in diesem Artikel gegeben werden, können auf HTML-Webseiten, Dokumente aus Textverarbeitungen und Postscript- und PDF-Dateien angewendet werden, auch wenn sich einige Aspekte speziell auf bestimmte Formate beziehen.

Dieser Aufsatz beinhaltet außerdem vieles von dem technischen Wissen, welches aus der Arbeit von TechDis zur allgemeinen Barrierefreiheit im Web gewonnen wurde. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.techdis.ac.uk/seven/

2. Was ist Dyslexie?

Schüler und Studenten mit Dyslexie haben oft Probleme mit:

  • Visueller Verarbeitung (einschl. Licht- bzw. Blendempfindlichkeit),
  • Phonologischer Dekodierung, Analyse und Verarbeitung,
  • Lesen und Verstehen,
  • Auditiver Verarbeitung,
  • Erinnerungsvermögen,
  • Struktur und Reihenfolge,
  • Planung und Organisation.

Diese Probleme haben einen Einfluss auf die folgenden Fähigkeiten des Benutzers: lesen, schreiben, navigieren, verstehen und das sich erinnern an relevante Informationen aus elektronischem Material wie z. B. Webseiten. »Darüber hinaus zeigt sich in der dyslektischen Bevölkerung als Ganzes eine Anzahl von grundlegenden Verarbeitungsschwierigkeiten als unterschiedliche Untertypen von Dyslexie« (Siegel, 1994; Rack, 1996). Wenn man dies mit den vielen verschiedenen Lernstilen und Lernstrategien kombiniert, so führt dies zu einem breiten Spektrum von sowohl Fähigkeiten als auch Schwierigkeiten.

In schulischen Situationen können diese Schwierigkeiten weitreichendere Effekte haben als einfach nur die Schwierigkeiten beim Lesen. Es wurde gezeigt, dass dyslektische Schüler und Studenten auch »Schwierigkeiten mit den akademisch verwandten Fähigkeiten, eine Zusammenfassung zu erstellen und Korrekturlesen haben« (Snowling, et al 2002).

Dyslektische Schüler und Studenten können Probleme mit der visuellen Verarbeitung haben, was zu einem langsamen visuellen Erkennen von Objekten führt und zu Problemen mit visueller Konzentration und/oder Lichtüberempfindlichkeit. Das bedeutet, dass dyslektische Schüler und Studenten sowohl von den ästhetischen Qualitäten einer grafischen Benutzeroberfläche (GUI) betroffen sein können als auch von der visuellen Lesbarkeit des Inhaltes.

Dyslektische Schüler und Studenten haben normalerweise Probleme mit der phonologischen Dekodierung, Analyse und Verarbeitung (der Fähigkeit, den Klang von Buchstaben zu erkennen, zu produzieren und in eine Reihenfolge zu bringen), was häufig zu Schwierigkeiten beim Erlangen von guten Lese-, Schreib- und Rechtschreibkenntnissen führt. »Obwohl die Lese- und Rechtschreibprobleme bis zu einem gewissen Grad kompensiert werden können, so beinhalten die immer noch vorhandenen Probleme von dyslektischen Erwachsenen typischerweise eine langsame Lesegeschwindigkeit, phonetisches buchstabieren und eine schlechte schriftliche Ausdrucksweise« (Snowling, et al, 2002).

Schüler und Studenten mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche haben im Allgemeinen Probleme mit dem Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis, mit Struktur und Reihenfolge. Das kann einen immensen Einfluss auf die Zugänglichkeit von Informationen haben und, weiter gefasst, auf die Zugänglichkeit von Informationsarchitektur. Der Effekt von Problemen mit dem Kurzzeitgedächtnis und der Reihenfolge kann sein, dass die Chance zunimmt, sich in einer Hypertext-Struktur zu verirren. Um etwas genauer zu werden: man kann davon ausgehen, dass derart betroffene Menschen mehr Probleme in einer Rückwärts-Navigation haben (das zurückgehen zu einer höheren Ebene innerhalb einer Hypertext-Struktur), da das Problem in der Erinnerung an Informationen in einer umgekehrten Reihenfolge liegt (was durch den reverse digit span test gezeigt werden kann).

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