Die Branche wäre dankbar

Internet, gestaltet von und für Menschen mit geistiger Behinderung: dieses Ziel verfolgt ein Projekt der »Lebenshilfe Baden-Württemberg«. Unterstützt wird die Arbeit von einer professionellen Werbeagentur.

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Stand: 14.05.2001, Autor: jr

Menschen schotten sich von ihrer Umwelt ab. Sie starren auf einen viereckigen, grauen Kasten, stoßen dabei stereotyp Rufe aus, wie »Abgestürzt«, »Ich bin drin«, »Jetzt hängt er« oder »Mach schon«. Aussagen, die sich offensichtlich an niemanden richten. Sie schlagen scheinbar unmotiviert auf die Tischplatte, schütteln den Kopf oder reagieren mit autoaggressiven Anwandlungen auf unvorhergesehene Erscheinungen auf ihrem Bildschirm. Sie wirken abwesend oder uninteressiert im Kontakt zu anderen, nehmen keinen Blickkontakt zu Hinzukommenden auf. Sie essen nicht bewusst, sondern nebenbei, meist Pizza, und versuchen, Schlaf zu verhindern durch Kaffeegenuss. Sie wirken fixiert auf Spezialthemen, die sich ihrer Umwelt verschließen.

Solche Menschen werden »Computerfreaks« genannt. Sie finden sich in Zeitungsredaktionen und in EDV-Abteilungen von Großkonzernen. Wenn sie Turnschuhe tragen, sind sie wahrscheinlich Programmierer bei Microsoft, wenn sie schwarze Anzüge anhaben und Gel in den kurzen Haaren, dann sind sie meist Geschäftsführer von »New-Economy«-Enterprises. Wenn sie ihr Verhalten nicht vor einem Computer, sondern vor einem Spielzeugkreisel praktizieren, dann nennt man sie »geistig Behinderte«, Abteilung Autisten.

Das Thema der Gegenwart

Ob das Internet das Kommunikationsmedium der Zukunft sein wird, ist noch ungewiss. Sicher ist: Es ist das Thema der Gegenwart. Ohne Internet-Auftritt kann ein Unternehmen nicht an der Börse bestehen, ohne E-Mail-Adresse kriegst Du keine Einladung zum Sporttreff. Auch die »Lebenshilfe« hat längst ihre Website. Der Landesverband Baden-Württemberg geht nun noch einen Schritt weiter. In Zusammenarbeit mit der Agentur, die den Lebenshilfe-Auftritt erstellt hat, erarbeitet sie Seiten von und für Menschen mit geistiger Behinderung.

Jugendhaus Stuttgart-Mitte, Computerraum. »Ich hab«s gefunden. Aber da steht nichts drin«, sagt Axel und hebt seinen Blick nicht vom Bildschirm. Heiko hatte aufgetragen, die Hilfefunktion auf der neu entwickelten Homepage ausfindig zu machen. Da hatte Axel einfach auf den Button mit dem Fragezeichen gedrückt. »Der Inhalt kommt noch«, beschwichtigt Heiko. Vorerst will er doch nur testen, welche Navigation den Teilnehmern der Projektgruppe »Internet« aus verschiedenen Behinderteneinrichtungen mehr entgegenkommt. Unter »Tipps und Tricks« findet Axel aber auch nichts. Da öffnet er das Hilfemenü von Microsoft und brummelt zufrieden vor sich hin: »Da können wir jetzt gucken bis heute Abend.« Axel ist 39 Jahre alt, engagiert in der Projektgruppe als Mitglied des »Clubs 82«, eines »Freizeitclubs für Behinderte«. Wobei er sich nicht als behindert empfindet. »Ich würde eher sagen: zurückgeblieben«, schlägt er vor.

Heiko fragt solange in die Runde, ob die anderen mit dem Farbleitsystem zurechtkommen. Heiko, 32, ist Grafiker der Eisinger ACD Werbeagentur und hat die Test-Websites für die Projektgruppe entworfen. Rudi Sack, »Lebenshilfe«-Geschäftsführer in Stuttgart, überlegt beim Blick auf den Bildschirm, ob die Schrift zu klein sein könnte. Axel surft mittlerweile auf Websites über Kanufahren. Kanufahren ist das Hobby von Frank, dem Zivi, der Axel nach Stuttgart gebracht hat.

Wie bei Verona Feldbusch

»Blubberclub.de« soll der Auftritt von und für Menschen mit geistiger Behinderung heißen, hat Webdesigner Heiko vorgeschlagen. Er sieht eine »positive Anmutung« in dem Titel, jung, spritzig, dynamisch. Silvia klickt die Seite weg und meint: »Ich weiß, woher er die Idee hat: Von Verona Feldbusch.« Dann hat sie endlich die »DJ Bobo«-Seite gefunden und lässt lässig fallen: »Cool, gell, die Eintrittskarte zu seinem nächsten Konzert hab« ich schon«. Sven möchte dagegen gerne mal den Quellcode der Blubberseite sehen. Silvia, 19, und Sven, 17, sind Schüler der Wilhelm-Hoffmann-Schule für geistig Behinderte in Dornstetten.

Das Internet kann zur Entfremdung von der Wirklichkeit beitragen, es kann aber auch neue Welten eröffnen. Auch für Menschen mit Behinderungen. Für Blinde beispielsweise gibt es Tastaturen mit Brailleschrift. Websites können vorgelesen werden von »Johanna«, »Silke« oder »Martin«. Das sind Kunststimmen von »webspeech«, einem Programm, das einfach downgeloaded werden kann und das jede Seite in Sprache umsetzt. Internet-Shopping, Online-Banking oder E-Mail eröffnen neue Freiheiten für Menschen, die sich im Alltag nicht ungehindert bewegen können. Wichtig ist, dass Internetseiten entsprechend gestaltet sind: Nicht überladen mit blinkenden Werbebuttons und Grafiken, beispielsweise.

Die Anforderungen sind für alle gleich

Die Probleme, die die Gruppe mit Internetseiten hat, hat Silke Frisch zusammengefasst. Die 29-Jährige, die Sozialwesen studiert und das Projekt wissenschaftlich begleitet, hat herausgefunden: Die Software ist zu kompliziert, es gibt Berührungsängste mit dem Internet, manche haben Angst vor Viren und meist ist es schwer, die Seiten zu finden, die man sucht. Internet-Probleme von Behinderten sind offenbar die gleichen wie Internet-Probleme von allen.

Auch Heiko Werner von ACD hat sich überlegt, wie ein Internet-Auftritt aussehen muss, der nicht nur ein paar Computerexperten oder Screendesigner anspricht. Ruhiges, übersichtliches Seiten-Layout, grafische Navigation in Kombination mit Schrift, große Schriftgrade und gut lesbare Schrifttypen, eine klare, einfache Sprache zählt er auf. Die teilweise ungenaue Mausführung soll bei der Größe der Buttons berücksichtigt werden.
Internet für Behinderte ist offenbar das gleiche wie Internet für alle.

Faszinierte Beobachter

Silvia, die Schülerin aus Dornstetten, ist mittlerweile auf die »Blubberclub«-Seite zurückgekehrt. Sie sucht unter »Spaß« und »Aktiv«. Aber da sind nur Blindtexte. Heiko hat ja nur das Navigationsverhalten testen wollen. Das ist zuviel verlangt. Blindtexte gehören bei allen Menschen, die nur eine Grafik beurteilen sollen, zum beliebtesten Lese- und Kritikstoff. Axel ist mittlerweile längst bei »Macromedia Flash«. Silke und Rudi schauen als Betreuer konzentriert und fasziniert zu, wie die Gruppenteilnehmer mit ein paar Mausclicks den Browser wechseln oder Einstellungen verändern. Sven forscht nach dem Wetter in Italien, Denn: »Italien ist mein Lieblingsland.«

Heiko rekapituliert: »Haben Sie sich im Blubberclub zurechtgefunden? Welche Navigation ist Ihnen lieber?« Rudi Sack bemerkt besänftigend: »Die sind so vertieft, die hören gar nicht zu.« Und zu den anderen: »Darf ich Sie noch mal kurz vom Bildschirm wegholen?« Es geht zu, wie beim ITG-Kurs an einem Gymnasium, wenn die Computer online sind.

Computer und die Wirklichkeit

Heiko und Rudi wollen die Namensgebung für die Internetseite festlegen. Volker Thum, 41 Jahre alt, Lehrer von Sven und Silvia, betrachtet den Arbeitsfortgang gelassen. Er weiß, dass er mit Sven und Silvia die Computerfreaks aus seiner Schule dabei hat, die die Kiste beherrschen »bis auf die DOS-Ebene hinunter«. Sven hatte mal die Chance, auf eine Waldorf-Schule zu kommen, aber das wollte er nicht, weil dort keine Computer zugelassen waren. Lehrer Thum weiß aber auch, dass andere sich schwerer tun. »Blubber ist ein schwer lesbares Wort, mit b und l«, merkt er an. »Ali« oder »SOS« wären einfacher. Aber wohl nicht mehr zu haben im Internet. Die meisten von Thums Schülern können gar nicht lesen. Unter den Lehrern hat das Thema Internet mittlerweile die Diskussionen über das Stützen von Autisten abgelöst. Lenkt der Computer ab von Wirklichkeitserfahrungen? Oder ist er eine Hilfe? Thum sieht es pragmatisch: Das Internet ist eine neue Kulturtechnik, und da sollen alle herangeführt werden, soweit sie dazu in der Lage sind.

Kreatives Potenzial

Andere Gruppen sind längst drin. www.ohrenkuss.de stellt die gleichnamige Zeitschrift vor, die von Redakteuren mit Down-Syndrom verfasst wird. Die von der »Lebenshilfe« getragene Tom-Mutters-Schule in Kempten hat unter www.allgaeu.org/tms einen umfangreichen Internet-Auftritt, der von Schülern mitgestaltet wird. Neu am Stuttgarter Projekt ist vor allem, dass man in einem wechselseitigen Lernprozess mit der professionellen Agentur herausfinden will, auf was alle Websites zu achten haben. Am Ende soll ein Auftritt stehen, der den Austausch mit Gleichgesinnten fördert, das Selbstwertgefühl stärkt und auch kreative Potenziale freisetzt.

An kreativem Potential fehlt es bei der Stuttgarter Projektgruppe nicht. Noch immer will Lebenshilfe-Geschäftsführer Rudi Sack wissen, ob alle mit »Blubberclub.de« einverstanden sind. Axel schlägt »Schlauleclub« vor. Silvia sagt »Tigerentenclub« und »SWR3-Club«. Sven will »Astronetclub«. Sie schweifen ab, zu allem, was ihnen mit »Club« einfällt. Sven schaut solange die SWR3-Club-Seiten an. Axel macht noch einen letzten Vorschlag: »Club Intelligenz«. »Das wär« doch mal was«, sagt Rudi Sack und lächelt unsicher. Sven recherchiert derweil im Internet, welche Domainnamen schon vergeben sind. Am Ende wird demokratisch abgestimmt, die Mehrheit entscheidet für »Blubberclub.de«.

»Internet als Medium der Selbstbestimmung« soll die Diplomarbeit heißen, die Silke Frisch über das Projekt schreiben will. Was wird am Ende herauskommen? Die Verantwortlichen der »Lebenshilfe«, die Begleiter erhoffen sich Begegnung, Austausch, Rechtsberatung, eine Plattform für Gedichte und Kunst. Die Zielgruppe, die User, haben an oberster Stelle angekreuzt: »Spiele«. Und dann die Themen Arbeit, Freizeit, Kontakte, Ratgeber. Sven will Musik: »Napster«, sagt er knapp. Ein Teilnehmer hat »Trucker« angegeben. Da lachen alle. Offenbar kennen sie diese Vorliebe eines Mitschülers.

Unterschiede beim Content Providing

Axel hat unterdessen was zu »Fußball, Sex und Alltag« gefunden im Internet. Silvia schaut gerne bei GZSZ rein. Auch die Homepages von Haribo und FC Bayern werden getestet. Internet haben ja alle. Aber was schreibt man rein? Oder wie es in der Branche heißt: Wer provided den Content? Ideen sind da. Axel würde was über seine Erfahrungen bei der Arbeit in einem Metallbetrieb schreiben. Sven könnte Spiele downloaden und reinstellen. »Was mit Abschießen«, meint er, schüttelt den Kopf und lacht. Den Namen seines Lieblingsspiels hat er gerade vergessen. Studentin Silke erzählt, dass sie schon mal eine Seite am Computer gehabt hat, auf der man Bilder malen konnte. »Ach so, Paint«, wirft Silvia ein. Aber das ist doch nicht Internet. Ihr ist www.wochenshow.de lieber. Svens Lieblingsseite ist www.microsoft.com. Lehrer und »Lebenshilfe«-Verantwortliche sagen zu, Informationen über Rechts- und Arbeitsfragen beschaffen zu können, die man ins Netz stellen könnte.

Struktur ins Chaos

»Ein wenig chaotisch« gehe es noch zu, meint Webdesigner Heiko Werner zwischendurch. So ist das im Internet. Wenn die Stuttgarter Projektgruppe ihr Ziel erreicht, ein »barrierefreies Webdesign« zu erstellen, dann hat sie enorm viel geschafft. Nicht für »geistig Behinderte«. Sondern für die gesamte Internet-Welt. ›Einfach für Alle‹ heißt die online-Kampagne der »Aktion Mensch«. Und alle wären dankbar, wenn Sven und Silvia, Heiko und Axel der ganzen Branche behilflich sein könnten beim Entwickeln gut strukturierter, übersichtlicher Internetseiten.