BITV Reloaded – Anforderung 4

Bedingung 4.1: Sprachwechsel ausgezeichnet (Prio. 1)

Wechsel und Änderungen der vorherrschend verwendeten natürlichen Sprache sind kenntlich zu machen.«

  • BIENE
  • WCAG 1
  • WCAG 2

Was heißt das?

Sinn dieser Anforderung ist, dass Sprachausgaben, wie sie von Menschen mit Seh- oder Lernbehinderung genutzt werden, einen Sprachwechsel oder andere sprachliche Besonderheiten in einem Dokument erkennen. Sollten in einem hauptsächlich deutschen Text fremdsprachliche Worte vorkommen, so müssen diese auch als solche ausgezeichnet werden. Dazu gehören nicht nur mittlerweile eingedeutschte Begriffe wie Browser oder Website, sondern auch Anglizismen. Nur mit einer entsprechenden Kennzeichnung können Fremd- und Lehnwörter nach den Ausspracheregeln ihrer ursprünglichen Sprache vorgelesen werden.

Zur Entstehungszeit dieser Verordnung waren die Umsetzung und vor allem der praktische Nutzen dieser speziellen Bedingung kaum zu vermitteln. Viele assistive Programme verstanden die Anweisungen für Sprachwechsel schlicht und ergreifend nicht; selbst Programme wie der mittlerweile eingestellte IBM Home Page Reader, der als einer der ersten Sprachwechsel beherrschte, legten gerne mal eine Gedenkminute ein, um zum Beispiel zwischen der deutschen und der englischen Stimme hin- und herzuschalten.

Mittlerweile beherrschen aber alle halbwegs modernen Hilfsmittel diese Technik und können korrekt ausgezeichnete Fremdwörter wie span lang="en">Browser</span> in der jeweils deklarierten Sprache vorlesen. Aus Nutzersicht besteht also kein Grund mehr, auf diese Unterstützung verzichten zu müssen. Ob ein Nutzer seine Sprachausgabe nun so eingestellt hat, dass Sprachwechsel ignoriert werden ist dabei unerheblich – es geht, also sollte es gemacht werden.

Nach wie vor problematisch ist hingegen die Auszeichnung der Sprachwechsel. Diese kann nur zum Teil automatisch von einem Content Management System oder anderen Autorenwerkzeugen geleistet werden, da hierfür ein Verständnis von Sprache notwendig ist, dass diese Programme nicht haben können. Auch mit ausgefeilten Suchmustern kann kein gängiges Programm wirklich verlässlich unterscheiden, ob mit »Tag« nun ein Tag der Woche oder ein HTML-Tag gemeint ist. Hier ist also teilweise nicht unerheblicher manueller Aufwand seitens der einpflegenden Redakteure nötig.

In der Praxis bewährt hat sich die Abgrenzung zwischen Sprachwechseln, die z. B. in einem Template nur einmal vorgenommen werden müssen und damit global für die gesamte Website gelten (Beispiel: span lang="en">Sitemap</span> in einer Navigation), und Sprachwechseln im Fließtext, deren vollständige und korrekte Auszeichnung gerade in tagesaktuellen Publikationen einen durch nichts zu rechtfertigenden Aufwand verursachen würden.

Wie können Sie das testen?

Eine Bedingung, die nicht so einfach mit den Bordmitteln herkömmlicher Browser zu testen ist, es sei denn, man wagt den Blick in den Quelltext. Auch hier helfen wieder die gängigen Browser-Erweiterungen wie die AIS Web Accessibility-Toolbar für den Internet Explorer oder die Web Developer Extension für Firefox. Die AIS Toolbar hat im ›Menü‹ Seite einen Befehl ›lang-Attribute anzeigen‹, der auf der aktuellen Seite alle vorhandenen lang-Attribute mit deren zugehörigen Elementen anzeigt.

Bei der laufenden Überarbeitung der ›Einfach für Alle‹-Seiten wird natürlich auch auf die Einhaltung dieser Bedingung geachtet. Zur Kontrolle der Sprachauszeichnungen wurde ein separates Style Sheet erstellt, in dem auf das Layout verzichtet wird und statt dessen alle sprachlichen Besonderheiten wie Sprachwechsel und Abkürzungen farbig hervorgehoben sind. Sie können dieses Style Sheet herunterladen und in jedem modernen Browser als ihr eigenes User Style Sheet installieren, das alle Angaben auf Webseiten überschreibt.

Für die Abgrenzung, was ausgezeichnet werden sollte und was nicht findet man in der Literatur gelegentlich den Hinweis auf Wörterbücher wie den Duden. Was im Duden steht kann demnach als ›eingedeutscht‹ gelten und braucht nicht ausgezeichnet zu werden. Dies würde jedoch bedeuten, dass Screenreader zur Bestimmung der korrekten Aussprache im Duden nachschlagen müssten (was sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht machen). Auch die Prozentzahl der ausgezeichneten fremdsprachlichen Begriffe ist ganz sicher keine verlässliche Grundlage zur Bewertung, ob diese Bedingung erfüllt ist oder nicht. Die Regel sollte hier eher sein, dass eine unterlassene Sprachkennzeichnung nicht zu Verwechslungen oder Sinnentstellungen führen darf.