Grußwort von Dieter Gutschick, Geschäftsführer der Aktion Mensch
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer,
der Begriff Web 2.0 ist zum Synonym für ein »Mitmach-Internet« geworden. Ob Nutzer Fotos oder Videos einstellen, in Foren oder Blogs diskutieren oder ihre Steuererklärung elektronisch abgeben: Das Internet bietet den Menschen immer mehr Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden. Als Synonym dieser Veränderung hat sich der Begriff Web 2.0 durchgesetzt. Diese Entwicklung lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Zukunftsprojekte kommen heute am Internet nicht mehr vorbei. Doch wie sieht das Internet der Zukunft aus und wie können Menschen mit Behinderung das Web 2.0 nutzen? Diesen Fragen wollen Sie heute gemeinsam auf der Fachtagung der Aktion Mensch »Einfach für Alle – Konzepte und Zukunftsbilder für ein Barrierefreies Internet« hier im Wissenschaftspark Gelsenkirchen nachgehen.
Doch vor dem Blick in die Zukunft möchte ich mit Ihnen gemeinsam kurz zurückblicken. Vor einiger Zeit habe ich in einer Expertise einer US-Investmentbank zum ersten Mal von den drei Innovationswellen in der IT-Industrie
gelesen. In den 70er und frühen 80er Jahren seien die Großcomputeranlagen in die Arbeitswelt eingeführt worden. Seit den späten 80er Jahren hätten sich dann die Personal-Computer verbreitetet, die heute ein fester – und deutlich sichtbarer – Bestandteil unseres beruflichen und privaten Alltags sind. Die dritte Welle habe zwei Auswirkungen: einerseits verschwänden die Computer im Alltag zukünftig immer mehr hinter den Anwendungen, andererseits würde eine standardisierte Zugangstechnik das Internet für jedes Ein- oder Ausgabegerät erreichbar machen.
Gerade der zweite Punkt – sollte er sich bewahrheiten – ist für Menschen mit Behinderung ein vielversprechendes Zukunftsbild. Und ich wünsche mir, dass wir heute tatsächlich an der Schwelle dieser dritten Welle stehen. Klar ist aber auch: Wenn wir wollen, dass diese Utopie Wirklichkeit wird, müssen wir sie gestalten. Und das aus unterschiedlichen Perspektiven, wie das Programm der heutigen Tagung zeigt. Wie in einem mehrdimensionalen Koordinatensystem eröffnen die Perspektiven Gesellschaft, Wirtschaft, Technik und Design einen Raum, für den die Themen dieser Tagung wie Eckpunkte sind. Jeder Punkt, jedes Thema kann, muss und wird seinen spezifischen Beitrag zur Barrierefreiheit leisten.
Eine Tagung wie diese eröffnet zudem die Chance zu vermitteln, dass Barrierefreiheit nie nur eine einseitig technische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, oder designerische Aufgabe ist. Im Gegenteil: Barrierefreiheit ist ein kooperativer Prozess, der nur gelingen kann, wenn alle ihren Beitrag leisten. Ausgehend von den zum Teil überraschenden Ergebnissen der ersten deutschsprachigen Studie zur Nutzung des Internet durch Menschen mit Behinderungen, über die 16 Workshops bis zum Start der BIENE 2008 zeigt der heutige Tag, dass Barrierefreiheit eine umfassende Haltung ist, wie die Welt von Morgen strukturiert und organisiert sein kann – nämlich ›Einfach für Alle‹.
Vor diesem Hintergrund ist die dritte Innovationswelle in der IT-Industrie in Deutschlands nichts anderes als der zweite Schritt eines gesellschaftlichen Reformprozesses. Nach dem Paradigmenwechsel in der Politik, der im Behindertengleichstellungsgesetz und der ›Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung‹ (BITV) manifest wurde, sorgt das Internet mit dafür, dass Menschen mit Behinderungen autonom und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilhaben können.
Ich freue mich sehr, dass die Aktion Mensch mit ihrer Aufklärungsinitiative Einfach für Alle diesen Prozess seit vielen Jahren begleiten kann. In Zusammenarbeit mit den Organisationen der Behindertenhilfe und –selbsthilfe eröffnet ›Einfach für Alle‹ immer wieder Plattformen, auf denen Experten mit und ohne Behinderung aus ihren jeweiligen Perspektiven an einer solidarischen Gesellschaft ohne Barrieren mitbauen. Dafür danke ich Ihnen und wünsche gutes Gelingen.
Ihr
Dieter Gutschick
BIENE Wettbewerb 2008 gestartet
Ob und wie sich die Impulse der Tagung in Gelsenkirchen in der Praxis auswirken, könnte sich bereits im Dezember zeigen.
Anlässlich der Tagung starteten die Aktion Mensch und die Stiftung Digitale Chancen zum fünften Mal den BIENE-Wettbewerb für die besten deutschsprachigen barrierefreien Webseiten. Anbieter können ihre Webseiten bis zum 15. Juli einreichen. Die Preisverleihung findet im Dezember 2008 in Berlin statt.
Weitere Infos und Anmeldung zum Wettbewerb unter www.biene-wettbewerb.de

