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Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

22 Aug 2011

Barrierefreiheit allein reicht heute nicht mehr. Auch die Ansprüche von Menschen mit Behinderung an Webseiten und Anwendungen steigt. Obwohl es einige Berührungspunkte zwischen Barrierefreiheit (Accessibility) und Benutzerfreundlichkeit (Usability) gibt, handelt es sich doch um zwei Arbeitsgebiete mit unterschiedlichen Methoden und Anforderungen. Dennoch lässt sich die Usability speziell für Menschen mit Behinderung verbessern, so dass am Ende auch die Bedienbarkeit – und damit die Barrierefreiheit – verbessert wird. In diesem Artikel wollen wir zeigen, wie die Usability von Webseiten mit Menschen mit Behinderung getestet werden kann.

Man kann zwischen den drei Bereichen Barrierefreiheit, Benutzbarkeit und Benutzerfreundlichkeit unterscheiden. Eine Seite kann im unstrukturierten HTML daher kommen und dennoch für Menschen mit Behinderung benutzbar sein, das ist aber weder barrierefrei noch benutzerfreundlich. Eine andere Seite kann alle Kriterien der Barrierefreiheit erfüllen, aber dennoch so kompliziert in der Bedienung sein, dass kein Nutzer mit Behinderung sie freiwillig besuchen würde.

Die Barrierefreiheit legt den Schwerpunkt auf die Verbesserung der Benutzbarkeit und weniger auf die Benutzerfreundlichkeit. Alle Testverfahren, ob automatisch oder durch menschliche Tester durchgeführt, prüfen in erster Linie nach formalen Kriterien. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, kann man den Grad der Barrierefreiheit bewerten. Aspekte der Benutzerfreundlichkeit ließen sich auch in diese Tests aufnehmen, sie spielen aber bisher eine untergeordnete Rolle.

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Typische Usability-Probleme

Schauen wir uns zunächst mal einige Usability-Probleme an, die speziell für Menschen mit Behinderung entstehen können.

  • Ein Formular kann zum Beispiel neben dem Label auch eine Vorbelegung haben. Es kann dem Screenreader-Nutzer passieren, dass er drei Mal vorgelesen bekommt, was in das Formular einzutragen ist, einmal der Text vor dem Feld, einmal das Label und einmal die Vorbelegung. Das ist keine Barriere, aber vor allem bei längeren Formularen anstrengend.
  • Sprunganker sollen wichtige Bereiche der Website leichter erreichbar machen. Mancher Anbieter übertreibt es aber mit der Zahl dieser Sprunganker, so dass die Sprunganker selbst übersprungen werden müssen.
  • Ähnlich sieht es aus, wenn wichtige Bereiche der Webseite durch Überschriften leichter ansteuerbar gemacht werden sollen. Mancher meint es zu gut und vergibt so viele Überschriften, dass der Blinde Probleme hat, den eigentlichen Inhalt der Website aufzuspüren, insbesondere wenn die Seite schlecht strukturiert ist.
  • Menschen mit motorischer Behinderung verwenden oft besondere Eingabegeräte wie die Augensteuerung. Sie ziehen es vor, möglichst wenige Schritte auf einer Webseite zu machen und möglichst wenig Text einzugeben. Auch mit einiger Übung ist es anstrengend, längere Texte über eine Bildschirmtastatur einzugeben. Diese Nutzergruppe wird durch unnötig lange oder aufwendige Prozesse abgeschreckt.
  • Ein sehr häufiges Problem sind aufklappende Navigationsmenüs oder Layer: Sehbehinderte achten oft nicht genau darauf, wo sie den Mauscursor positionieren. Deshalb passiert es recht häufig, dass die Menüs unbeabsichtigt aufgeklappt werden und sich über den Inhalt legen.

Auswahl der Testpersonen

Im Prinzip spricht nichts dagegen, mit Menschen mit Behinderungen Usability-Tests durchzuführen. Testpersonen werden nach unterschiedlichen Kriterien wie den technischen Fähigkeiten ausgewählt. Dazu kommt bei Menschen mit Behinderungen die sehr unterschiedliche Kenntnis der Hilfsmittel und deren Möglichkeiten. Es müssen also zwei Dimensionen von Problembereichen bei der Auswahl von Testpersonen bedacht werden:

  1. Die Fähigkeiten im Umgang mit Programmen wie dem Browser und
  2. die Kenntnisse über die eingesetzte Hilfstechnik.

Wir empfehlen Personen mit geringer oder mittlerer technischer Kompetenz für einen Test zu gewinnen. Wenn diese Personen zurecht kommen bzw. ihre Anforderungen umgesetzt werden, dann werden sehr wahrscheinlich auch Menschen mit mehr technischer Erfahrung zurecht kommen.

Die gesamte Spannbreite verschiedener Behinderungen, Hilfstechniken und technischen Fähigkeiten wird man wohl nicht in einer Testgruppe abbilden können. Allein die Zahl der unterschiedlichen Sehbehinderungen lässt sich kaum mit annehmbaren Aufwand abbilden. Sie sollten dennoch versuchen, die unterschiedlichen Behinderungen Sehbehinderung, Lernbehinderung, motorische Behinderung und Hörbehinderung abzubilden.

Im Rahmen eines Usability-Tests sollen typischerweise bestimmte Aufgaben wie der Kauf eines Artikels bewältigt werden. Diese Aufgaben müssen nicht speziell für Menschen mit Behinderung angepasst werden.

Der Testleiter ist gefordert

Allerdings sind vom Testleiter erweiterte Fähigkeiten gefordert. Er muss zum einen natürlich mit den Leuten kommunizieren können, also auch mit Gehörlosen oder Menschen mit Lernbehinderung. Zum anderen muss er aber auch ihre speziellen Arbeitsweisen mit dem Computer kennen, damit er Probleme erkennen kann, ohne nachzufragen oder einzugreifen. Schwierig ist es zum Beispiel einem Sehbehinderten mit starker Vergrößerung bei seiner Arbeit am Computer zu folgen. Vor allem Blinden und Sehbehinderten muss genügend Zeit zur Orientierung auf der Seite gelassen werden. Natürlich kann auch hier die Methode des lauten Denkens angewendet werden, das heißt die Testperson berichtet, was sie gerade tut und was sie damit erreichen möchte.

Methoden des Usability-Tests wie Eyetracking oder Maustracking müssen auf die Nutzungsstrategien von Menschen mit Behinderung angepasst werden. Ein Sehbehinderter verwendet die Maus auch zum Verschieben des sichtbaren Bildschirmausschnitts, so dass seine Mausbewegungen im Vergleich zum Normalsehenden ungewöhnlich aussehen. Er wird auch ein wenig mehr Zeit benötigen, um ein Objekt zu identifizieren als ein Sehender.

Fazit

Praxistests von Barrierefreiheit und Benutzerfreundlichkeit sind noch nicht so verbreitet, wie es wünschenswert wäre. Allerdings sollte die steigende Komplexität von Webseiten nicht mit dazu führen, dass ihre Bedienung immer komplizierter wird. Anspruchsvolle Angebote wie im eGoverment-Bereich werden sich mittelfristig nur durchsetzen können, wenn sie den Nutzern insgesamt ein positives Nutzererlebnis anbieten.

Kommentare zu dieser Meldung: 2

Permalink Nina Gerling meinte am 22.08.2011:

Interessant wäre eine Liste von Anbietern (sofern da überhaupt eine Liste zusammen kommt) die regelmäßige Nutzertests mit Menschen mit Behinderung anbieten.

Viele - vor allem kleinere - Agenturen haben nicht das Know-How oder die Möglichkeiten eigenständig umfangreiche Nutzertests zu machen die über das Maß »Ich spann Freunde, Bekannte, die Putzfrau für den Test ein« hinausgehen.

Deshalb wäre es interessant zu wissen, ob es bereits Firmen gibt, die sich neben den »üblichen« Nutzertests, auch auf Nutzertests mit behinderten Kandidaten eingestellt haben. So könnten Agenturen bei Bedarf die Tests dann durch solche spezialisierten Firmen durchführen lassen. Mir ist bisher kein Usability-Labor bekannt, das auch auf hochwertigem Niveau Web-Tests mit behinderten Menschen macht.

Permalink Der Caspers meinte am 22.08.2011:

Die schweizerische Stiftung »Zugang für alle« bietet so etwas an:
access-for-all.ch/ch/beratung.html

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