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Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

11 Jul 2011

Für Entwickler barrierefreier Webseiten ist es von Vorteil, sich mit der Hilfstechnik von Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Im folgenden wollen wir den kostenfreien quelloffenen Screenreader Nonvisual Desktop Access (NVDA) vorstellen.

Ein Screenreader wandelt Inhalte des Bildschirms in Sprache um oder gibt sie auf einer Braille-Zeile aus. Blinde und viele Sehbehinderte können den Inhalt der visuellen Benutzeroberfläche (GUI) nicht wahrnehmen. Deshalb benötigen sie eine Brücke, welche die Inhalte des GUI in eine für sie brauchbare Form umwandelt – das macht der Screenreader.

Ein Screenreader ist ein komplexes Stück Software. Es geht nicht nur darum, alles vorzulesen, was sich gerade auf dem Bildschirm befindet. Der Nutzer muss auch komplexe Interaktionen mit dem Rechner ausführen können. Er muss Optionen umstellen, Menüs bedienen, zwischen Anwendungen wechseln, Eingaben machen oder sogar selber programmieren können. Hinzu kommt, dass graphische Oberflächen nie dazu gedacht waren, von Blinden bedient werden zu können. Der Screenreader bleibt daher immer eine Krücke. Viele Programme lassen sich gar nicht bedienen, weil sie auf Mausbedienung ausgelegt sind und ein Blinder nun einmal keine Maus bedienen kann. Zwar kann man den Cursor mühsam mit der Tastatur steuern, das bringt aber nichts, wenn man Menüpunkte und Schaltflächen nicht identifizieren kann. Damit Blinde ein Programm bedienen können, muss die jeweilige Accessibility-Schnittstelle des Betriebssystems unterstützt werden. Unter Windows ist das Microsoft Active Accessibility (MSAA) bzw. die neue Schnittstelle Microsoft UI Automation.

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NVDA

NVDA ist ein Open-Source-Screenreader für Windows und kostenlos erhältlich. Die kommerziellen Produkte kosten mehrere tausend Euro und sind daher für die Betroffenen teils unerschwinglich. NVDA ist portabel – das heißt, der Blinde kann seinen Screenreader auf einen USB-Stick oder eine CD-ROM packen, damit ins Internet-Café gehen und einfach im Web surfen. Unter den deutschsprachigen Produkten macht das NVDA unschlagbar.

NVDA hat seine Stärken vor allem im Internet. Für Office-Anwendungen ist er nur eingeschränkt geeignet, das freie OpenOffice lässt sich mit NVDA aber gut bedienen. Dafür wird er aber auch ständig weiterentwickelt und ist bei der Unterstützung neuer Techniken wie ARIA oder HTML5 häufig schneller als die kommerziellen Produkte.

Installation

NVDA kann von der Entwicklerwebsite als installierbares oder portables Programm für die verschiedenen Windows-Versionen heruntergeladen werden. Die Installation läuft wie bei Windows-Programmen gewohnt, die heruntergeladene Datei wird einfach ausgeführt.

Die Sprachausgabe eSpeak ist ein wenig gewöhnungsbedürftig und sehr weit weg von natürlicher Sprache. Man kann aber auch jede andere SAPI-Sprache verwenden. Für Windows gab es eine Zeitlang kostenlos die Sprachausgabe Steffi im Netz zum Download.

Konfiguration und Bedienung

Das Programm wird über das Startmenü oder die Datei nvda.exe gestartet. Die Einstellungen erreicht man nach dem Start des Programms über die Tastenkombination Einfg + N. In diesem Kontextmenü können Einstellungen vorgenommen und das Programm beendet werden. Für Sehende zunächst ungewohnt ist der sparsame Einsatz graphischer Benutzeroberflächen, Screenreader lassen sich vollständig über die Tastatur steuern.

NVDA hat wesentlich weniger Einstellungsmöglichkeiten als kommerzielle Screenreader, was aber auch die Bedienung und Erlernbarkeit wesentlich erleichtert. Er funktioniert am besten mit dem Browser Firefox.

Beim Surfen im Internet werden die Buchstaben auf der Tastatur zu Navigationstasten. Mit den Navigationstasten kann man bestimmte Elemente in HTML direkt anspringen. Im folgenden eine Liste der wichtigsten Kurztasten:

Funktionstaste Funktion
H Springe zur nächsten Überschrift
F Springe zum nächsten Formularelement
L Springe zur nächsten Liste
K Springe zum nächsten Link
U Springe zum nächsten unbesuchten Link
V Springe zum nächsten besuchten Link
T Springe zur nächsten Tabelle

Beim gleichzeitigen Drücken der Umschalt- oder Shift-Taste mit einer Navigationstaste springen Sie zum vorherigen Element, Umschalt + H führt zum Beispiel zur vorherigen Überschrift. Weitere Tastaturbefehle finden Sie in der Dokumentation: »NVDA 2011.1 User Guide«.

Webseiten testen

Grundsätzlich sollten Websites von echten Screenreader-Nutzern getestet werden, weil diese Programme viel Übung und Erfahrung zum korrekten Einsatz erfordern. Dennoch kann es nicht schaden, wenn Entwickler und Webdesigner ein Gefühl dafür bekommen, wie Blinde im Internet unterwegs sind.

Für das echte Screenreader-Feeling sollte man sich eine Liste mit Tastenkürzeln für Windows und NVDA ausdrucken, die Maus beiseite legen und den Bildschirm ausschalten. Am besten fängt man mit einer Seite an, die man schon kennt.

Mit den Pfeil-Tasten kann man rudimentär durch die Seite navigieren. Mit den erwähnten Navigationstasten erreicht man komfortableres Surfen. Auf vielen Websites sind zum Beispiel Navigationen als Listen umgesetzt. Wir suchen also mit ›L‹ nach einer Liste von Links, die sich wie eine Navigation anhört. Oftmals werden auch HTML-Überschriften verwendet, um einzelne Bereiche der Website wie die Navigation oder Content-Bereiche leichter erreichbar zu machen. Wir suchen also mit ›H‹ nach Überschriften.

Wenn Sie ein Einrast-Geräusch hören, hat NVDA den Formularmodus aktiviert. Im Formularmodus können Sie wie gewohnt Formulare mit der Tastatur ausfüllen, die Navigationstasten sind im Formularmodus inaktiv. Mit Einfg + Leertaste verlassen Sie den Formularmodus.

Ausführliche Testanleitungen finden Sie in der Linkliste. Auch wenn Sie nicht vorhaben, Ihre Webseiten mit Screenreadern zu testen, bringt der Einsatz von Programmen wie NVDA einen großen Erkenntnis-Gewinn.

  • Sie erfahren, warum es wichtig ist, semantisches HTML einzusetzen, denn ohne Überschriften- oder Listen-Tags bzw. ARIA hat der Blinde kaum noch Orientierungspunkte.
  • Sie erfahren, warum Elemente auch im Quelltext in der korrekten Reihenfolge angeordnet sein sollen, denn daran orientiert sich der Screenreader.
  • Sie erfahren, wie es ist, wenn Elemente linear und nicht parallel angeordnet sind. Unabhängig davon, wie Ihre Website aufgebaut ist, der Blinde kann nur ein Element nach dem anderen erschließen.
  • Und Sie erfahren etwas über Tastaturbedienung, einer der wichtigsten Säulen der Barrierefreiheit.

Kommentare zu dieser Meldung: 2

Permalink Andy Pillip meinte am 13.07.2011:

Super! Vielen Dank!

Aber als Linuxbenutzer möchte ich auf den Standard-Screenreader der GNOME Desktopumgebung hinweisen.

Leider ist der Einstieg nicht so einfach — ist für Orca (so heißt der nämlich) vielleicht auch so ein Tutorial möglich?

Cheers

Permalink Hans Peter Sperber meinte am 27.08.2013:

Ich suche ein gutes Screenreader-Program und las mir das alles durch. Für mich als Laie hört sich das megaschwierig und umständlich an. Runterladen - installieren - Text markieren und dann wird der Text mit eienr F-Taste vorgelesen. So stele ich mir das vor. Geht das mit NVDA?

>>>>> Antwort vom EfA-Team

Für das, was Sie sich vorstellen ist der Screenreader überdimensioniert. Es gibt einiege Erweiterungen wie ChromeVox für den Chrome-Browser, der für Sehende gedacht ist und solche Anforderungen erfüllt. Suchen Sie einfach mal nach Text to Speech in der Suchmaschine Ihres Vertrauens.

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