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Aktuelles zum Thema Barrierefreies Webdesign.

01 Feb 2010

Gute Nachrichten für Internetnutzer in der Schweiz. Das Land hat seine Richtlinien für die Gestaltung von barrierefreien Internetangeboten auf Grundlage der Web Content Accessibility Guidelines 2.0 (WCAG 2.0) aktualisiert. Der Informatikrat des Bundes (IRB) hat am 26. Januar 2010 einstimmig die Änderungen des Standards P028 Version 2.0 angenommen. Bestehende Webseiten des Bundes müssen demnach bis zum 31.12.2010 den Bedingungen der WCAG 2.0 entsprechen und mindestens die Konformitätsstufe AA erreichen. Neue Websites müssen ab sofort diese Richtlinien einhalten.

Damit ist die Schweiz das erste deutschsprachige Land, das der offiziellen und vom W3C autorisierten deutschen Übersetzung der Richtlinien faktisch Gesetzesrang verliehen hat. Diese Übersetzung hat eine von der Aktion Mensch im Rahmen der Initiative ›Einfach für Alle‹ ins Leben gerufene Arbeitsgruppe im vergangenen Jahr erstellt. Derzeit werden unter Federführung der Aktion Mensch die Programmier- und Gestaltungstechniken zur WCAG 2.0 und weiterer erläuternder Dokumente übersetzt.

Deutsche Richtlinien sind veraltet

In Deutschland lässt dagegen die Neufassung der »Barrierefreie Informationstechnik Verordnung« (BITV) weiter auf sich warten. Das zuständige Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat zwar wiederholt erklärt, sich bei der Überarbeitung der BITV auch an den Empfehlungen der WCAG 2.0 zu orientieren, hat aber bislang keine verbindlichen Termine genannt.

Die gesetzlichen Vorgaben zur Barrierefreiheit der Internetangebote der Behörden der Bundesverwaltung in Deutschland beruhen damit faktisch auf den technischen Standards der 1999 erstmals veröffentlichten WCAG 1.0. Wesentliche technische Entwicklungen der vergangenen 10 Jahre sind also nicht berücksichtigt. Gleiches gilt auch für die entsprechenden Verordnungen auf Landesebene und bei nachgeordneten Behörden, die sich an der BITV orientieren. Außerdem beeinflusst die Verzögerung die Umsetzung sogenannter Zielvereinbarungen zur Barrierefreiheit von Internetangeboten, die zwischen Unternehmen und Behindertenverbänden geschlossen werden können.

Schweiz setzt auf Kontrolle und Transparenz

Auch bei der Frage nach Möglichkeiten einer kontinuierlichen Fortschreibung entsprechender Richtlinien lohnt sich deshalb ein Blick in die Schweiz. Als sogenannte Prozessvorgabe schreibt die Schweizer Regelung fest, dass sich innerhalb von drei Monaten nach Erscheinen neuer Richtlinien der Web Accessibility Initiative (WAI) die Fachgruppe »Zugänglichkeit/Accessibility« trifft, um die Erneuerungen der Richtlinie des Bundes in die Wege zu leiten. Darüber hinaus wird die Bundeskanzlei – eine Behörde vergleichbar dem deutschen Bundeskanzleramt – ab 2011 jährlich überprüfen, ob die Standards eingehalten werden. Besonders bemerkenswert: Die Ergebnisse dieser Überprüfung sollen im Internet veröffentlicht werden.

Kommentare zu dieser Meldung: 5

Permalink Martin Ladstätter meinte am 01.02.2010:

Kleine Ergänzung zum Text: "Damit ist die Schweiz das erste deutschsprachige Land, das der offiziellen und vom W3C autorisierten deutschen Übersetzung der Richtlinien faktisch Gesetzesrang verliehen hat."

Das ist unrichtig. Österreich - auch ein deutschsprachiges Land - hat dies schon 2009 realisiert - siehe http://www.bizeps.or.at/news.php?nr=11033 - und das Bundeskanzleramt schreibt unter http://www.austria.gv.at/site/5744/default.aspx

"Mit den - am 11.12.2008 durch World Wide Web Consortium veröffentlichten - Web Content Accessiblity Guidelines 2.0 (WCAG 2.0) ist nun ein flexibler und testbarer, neuer Standard für barrierefreies Webdesign verfügbar. … Im Sinne der dynamischen Bezugnahme des § 1 Abs. 3 E-Government Gesetz auf den Stand der Technik erscheint es bedeutsam, die nun als W3C-Standard veröffentlichten WCAG 2.0 in die Überlegungen der Verwaltung betreffend die Gestaltung ihrer Webangebote einzubeziehen."

Permalink Sascha Stoltenow meinte am 01.02.2010:

Das mag juristisch richtig sein, die Formulierung die die Schweiz dafür gefunden hat, klingt jedoch deutlich klarer, als die Vorgabe, die WCAG in die Überlegungen einzubeziehen:

"Alle Websites des Bundes müssen den Konformitätsbedingungen gemäss WCAG 2.0 entsprechen (vgl. 2.1) und die Konformitätsstufe AA erreichen."

"Beim Erscheinen von neuen WAI-Leitlinien trifft sich die Fachgruppe „Zugänglich-keit/Accessibility" innerhalb von 3 Monaten, um die Erneuerungen der Richtlinie des Bundes zu diskutieren und allenfalls in die Wege zu leiten."

Permalink Martin Ladstätter meinte am 02.02.2010:

Nett, dass wir nun über die Formulierung diskutieren. ;-) Fakt ist: Die Meldung war eine Falschmeldung. Nicht mehr und nicht weniger wollte ich mitteilen.

Richtig ist, dass Deutschland unzureichende Vorschriften macht; sowohl für den Bund, die Länder als auch Unternehmen. Andere Staaten haben dies - wie auch hier auf "einfach-für-alle" vermeldet - schön längst gesetzlich geregelt.

In Österreich beispielsweise für den Bund im E-Government Gesetz für Unternehmen zusätzlich auch noch im Behindertengleichstellungsgesetz. Und nun der wichtige Unterschied: Nicht per Verordnung auf eine veraltete WCAG-Norm verweisend, sondern in der jeweils geltenden Forum.

Meine Bitte für die Zukunft: Wieder auf das übliche Qualitätsniveau der Berichterstattung kommen. Danke.

Permalink Martin Fischer meinte am 19.02.2010:

"Derzeit werden unter Federführung der Aktion Mensch die Programmier- und Gestaltungstechniken zur WCAG 2.0 und weiterer erläuternder Dokumente übersetzt."

Gibt es dazu ein öffentliches Arbeitsdokument? Ich würde diese Übersetzung gern bereits jetzt nutzen.

Permalink Manu meinte am 05.04.2010:

Ob Falschmeldung oder nicht -- wieder ist der Trend erkennbar, dass in der Schweiz Transparenz und vom Volk ausgehende Gesetzgebungen leichter oder häufiger der Fall sind. Ob das mit dem kulturellen Unterschied oder den historischen Wurzeln der direkten Schweizer Demokratie zusammenhängt, darüber mag man geteilter Meinung sein. Zur Frage meines Vorposters: http://www.einfach-fuer-alle.de/blog/id/2488/ gehts darum?

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