BIENE-Award 2005 – Experten-Statements

Die Freiheit wächst – Dr. Karl-Heinz Weirich schätzt Barrierefreiheit – und bringt sie voran.

22.07.2005

Karl-Heinz Weirich ist Doktor der Mathematik und ein geduldiger Mensch. Wenn er auf der Homepage seiner Zeitung nach Fußball-Ergebnissen sucht, dauert das. Denn Dr. Weirich kann die Seite nicht sehen. Er ist blind. Sein Screenreader, eine Software für die Sprachausgabe, liest Zeile für Zeile vom Bildschirm ab. Wenn lange Menüs auf der Seite stehen, ist oft schon eine halbe Stunde verronnen, bevor allein die Menüpunkte durchgelesen sind.

Dabei wäre es so einfach, Karl-Heinz Weirichs Geduld nicht so zu strapazieren: Wären solche Seiten nach W3C-Richtlinien programmiert und mithin barrierefrei, dann gäbe es so genannte Anker als Navigationshilfen, unsichtbar auf die Seite gestellt, aber mit dem Browser zu erreichen. Dann könnte Karl-Heinz Weirich vom Seiten-Anfang direkt zum Hauptinhalt springen.

Dr. Karl-Heinz Weirich, 52, ist leitender Berater im Accessibility-Center von IBM und war beteiligt an der Entwicklung des sprechenden Home Page Reader und einem Browser mit Sprachausgabe: Beides war auf einer Website zu integrieren.

Trotzdem hat sich einiges getan. Braillezeilen oder Screenreader-Programme für die Sprachausgabe einer Webseite können heute mit der Programmiersprache JavaScript, mit bewegten Animationen (Flash) und mit PDF-Dateien umgehen – allerdings nur, wenn diese entsprechende Schnittstellen unterstützen, sprich barrierefrei gestaltet sind. Wenn auch mit Hindernissen: Karl-Heinz Weirich kann heute Zeitung lesen, Zugverbindungen aussuchen und sein Bankkonto verwalten, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Gewonnene Freiheit.

Dass die Freiheit in Zukunft noch größer wird, daran arbeitet Weirich. Bei IBM hat er den sprechenden Home Page Reader mitentwickelt und dank Easy Web Browsing können Anbieter Sprachausgabe und Möglichkeiten zur Schriftvergrößerung auf ihren Webseiten integrieren. Das nützt nicht nur blinden, sondern auch älteren und lernbehinderten Menschen.