BIENE-Award 2003
Pressekonferenz BIENE-Award, 03. Dezember 2003, 17.30 Uhr, Museum für Kommunikation, Berlin:
Statement von Dieter Gutschick, Geschäftsführer der Aktion Mensch
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Aktion Mensch setzt sich seit nunmehr fast 40 Jahren erfolgreich für die Integration von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft ein. Was hat das mit dem Internet zu tun? Behinderte Menschen wollen nicht weiter am Rande der Gesellschaft leben. Sie wollen möglichst selbstbestimmt und selbständig leben - eben so normal wie möglich. Nicht das Handycap soll im Vordergrund stehen, sondern der Mensch.
Diese Sicht gilt im World Wide Web für User mit Behinderungen bis heute leider noch nicht. Zwar hat sich das Internet in einem knappen Vierteljahrhundert von einem eher experimentellen Medium für Forscher, Studenten und Technikfreaks zu einem Massenmedium entwickelt. Doch wuchs die inhaltliche Bedeutung schneller als die technische Zugänglichkeit für alle Benutzer. Menschen mit Behinderungen werden noch immer von vielen Angeboten im Netz ausgeschlossen und können daher am Informationsvorsprung oder auch und gerade an den unbegrenzten Möglichkeiten des E-Commerce nicht teilhaben – und dies, obwohl besonders Menschen mit Behinderungen oft existenziell von einer solchen Teilhabe abhängig sind.
Nach einer aktuellen Studie der Agentur Leonhardt Multimedia sind drei Viertel der untersuchten Seiten für behinderte Surfer nicht zugänglich. Warum? Dies wird Ihnen sogleich Herr Prof. Kubicek kompetent erläutern. Das Problem der Barrieren im Netz betrifft aber nicht nur kommerzielle Seiten. Von der Homepage für Freunde und Bekannte über Info–Seiten von Verbänden und Institutionen bis hin zu Diskussionsforen und Kontaktbörsen: Ausgerechnet im World Wide Web, das angetreten war, Grenzen zu überwinden, werden Tag für Tag neue Barrieren aufgebaut.
Dabei sind Menschen mit Behinderungen eine interessante Zielgruppe: 80 Prozent von ihnen nutzen laut einer Umfrage des Bundeswirtschaftsministeriums das Internet – im Bevölkerungsschnitt sind es lediglich 42 Prozent. Kein Wunder, dass 93 Prozent der behinderten »Internetkenner« im Internet »viele neue Chancen« für sich sehen. Zugleich beklagen aber 55 Prozent der User behinderungsspezifische Barrieren bei der technischen Zugänglichkeit und der Navigation.
»Zugänglich ist zukunftsfähig« lautet das Motto der Internetinitiative der Aktion Mensch ›Einfach für Alle‹. Idee dieser Initiative ist, die Barrierefreiheit der Internet-Seiten generell zu propagieren und darüber hinaus auch deutlich zu machen, dass die Barrierefreiheit auch noch weitere Vorteile für alle Internet-User hat. So gelingt z.B. durch die Vereinfachung der Seiten auch die Übertragung auf Handys oder Auto-Bordcomputer. Hierüber wird Sie Frau Cornelssen gleich noch näher informieren. Ziel dieser von der Aktion Mensch im Jahre 2000 gestarteten Initiative ist es, Anbieter, Designer und Programmierer zu überzeugen, dass es vor allem in ihrem Interesse ist, die unterschiedlichen Erfordernisse der User – und damit auch die der Menschen mit Behinderungen - zu berücksichtigen.
Um diese Ideen noch bekannter zu machen hat die Aktion Mensch gemeinsam mit der Stiftung Digitale Chancen im Mai dieses Jahres den BIENE-Award ausgeschrieben. Frau Croll wird Ihnen gleich Näheres zum Verlauf des Wettbewerbs mitteilen. Nur so viel vorweg: Dass letztendlich mehr als 170 renommierte deutsche Unternehmen, bundesweit arbeitende Organisationen sowie Behörden und Ministerien ihre Internetangebote angemeldet haben, übertrifft all unsere Erwartungen. Und es zeigt, welche gesellschaftliche Bedeutung das Thema der digitalen Integration von Menschen mit Behinderungen in der Informationsgesellschaft erlangt hat.
Ziel des Awards ist, die besten barrierefreien Angebote im Internet zu identifizieren und als Vorbild bekannt zu machen. BIENE steht in diesem Zusammenhang für »Barrierefreies Internet eröffnet neue Einsichten«, aber auch für Kommunikation, gemeinsames Handeln und produktives Miteinander.
Ich möchte nicht versäumen denjenigen zu danken, die den BIENE-Award zu diesem erfolgreichen und vielbeachteten Wettbewerb gemacht haben:
Da steht an erster Stelle die Stiftung Digitale Chancen, hier vertreten durch Prof. Kubicek und Frau Croll, ohne deren Sachkenntnis und Engagement der Wettbewerb nicht durchführbar gewesen wäre.
Mein Dank gilt aber auch dem Fachlichen Beirat, hier vertreten durch Herrn Dr. Pieper. Gemeinsam mit der Aktion Mensch und der Stiftung Digitale Chancen hat der Beirat die Kriterien des Wettbewerbs entwickelt und deren Einhaltung überwacht.
Ferner möchte ich der prominent besetzten Jury danken, hier vertreten durch ? (Vertreter ergibt sich erst am 03. Dezember), die heute Nachmittag die Aufgabe übernahm, die Webpräsenzen, die alle Tests erfolgreich durchlaufen haben, nochmals genau unter die Lupe zu nehmen – und zwar aus dem Blickwinkel von Fachleuten, in deren täglicher Arbeit Barrierefreiheit eigentlich keine Rolle spielt. Schließlich soll eine Web-Site ohne Barrieren nicht nur funktional, sondern auch ansprechend für alle User sein. Und genau wie Sie, meine Damen und Herren, bin ich jetzt natürlich gespannt auf das Ergebnis der Jury-Sitzung, die erst vor wenigen Minuten zu Ende ging. Herr/Frau ? wird uns dazu gleich näheres sagen können.
Ein letzter Dank gebührt den Bundesministern Otto Schily und Wolfgang Clement, deren Ministerien den Wettbewerb kritisch begleitet haben und deren Grußworte Sie in der Pressemappe finden. Gleiches gilt für den Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Hermann Haack, der heute Abend wegen einer eigenen Veranstaltung nicht dabei sein kann und dessen Mitarbeiterin das Grußwort heute Abend verlesen wird.
Gemeinsam sind wir überzeugt, dass vom BIENE-Award eine Botschaft an die gesamte Internetbranche ausgeht. Diese Botschaft lautet: Barrierefreies Webdesign lohnt sich für alle! – wirtschaftlich, da eine höhere Reichweite bei geringeren Kosten erzielt werden kann – und gesellschaftlich, da es neue Wege zur Teilhabe am sozialen, beruflichen und politischen Leben für alle Menschen ermöglicht.

