Zugänglich ist zukunftsfähig
Menschen mit Behinderungen sind die Vorreiter der Umsetzung technischer Standards im Internet: Da immer mehr User andere Ausgabegeräte als Monitor und Tastatur nutzen, garantiert das Internet für Menschen mit Behinderung Zugänglichkeit für alle. Denn Web–Präsenzen, die zum Beispiel für Braillezeile und Screenreader zugänglich sind, sind auch über Handy, PDA oder Auto–Bordcomputer zu erreichen. Davon profitieren alle – vor allem die Anbieter, weil barrierefreies Webdesign oft Kosten spart. »Zugänglich ist zukunftsfähig« lautet daher das Motto der Internetinitiative der Aktion Mensch ›Einfach für Alle‹.
Stand: 05.05.2003, Autor: tz
Kein Ladeninhaber würde in seine Tür das Schild hängen: »Zutritt nur für Kunden mit rotgepunkteten Krawatten.« Im Internet dagegen heißt es noch immer täglich: »Ihr Browser kann keine Frames anzeigen.« Wie beim Schild in der Ladentür wird dem User mitgeteilt, welche Standards er erfüllen muss, um das Angebot vollständig nutzen zu können. Manche User aber haben keine »rotgepunktete Krawatte«. Und den Anbietern ist in der Regel nicht bewusst, dass sie diese zu tragen verlangen. Zudem brauchen zum Beispiel User mit einer Körperbehinderung – wegen ungenauer Mausführung – möglichst große Buttons.
Ziel der von der Aktion Mensch 2000 gestarteten Initiative »Einfach für @lle« ist es deshalb, Anbieter, Designer und Programmierer zu überzeugen, dass es in ihrem Interesse ist, die unterschiedlichen Erfordernisse der User zu berücksichtigen. Kernpunkt der Site www.einfach–fuer–alle.de sind die »Zehn Tipps für Profis«. Dazu gibt es Tutorials, eine Nachrichtenbörse und eine Zusammenfassung, was für welche Nutzer–Gruppen zu berücksichtigen ist.
Menschen mit Behinderungen sind eine interessante Zielgruppe: 80 Prozent nutzen laut Umfrage des Bundeswirtschaftsministeriums das Internet – im Bevölkerungsschnitt tun es lediglich 42 Prozent. Kein Wunder, dass 93 Prozent der behinderten »Internetkenner« im Internet »viele neue Chancen« für sich sehen. Zugleich beklagen aber 55 Prozent behinderungsspezifische Barrieren bei der technischen Zugänglichkeit und der Navigation.
Beispiel E-Commerce:
In einem Test der Agentur Leonhardt Multimedia waren drei Viertel der Seiten für behinderte Surfer – und damit auch für User mit neuen alternativen Ausgabegeräten wie Handy, PDA oder Auto–Bordcomputer – nicht zugänglich. Das Problem betrifft nicht nur kommerzielle Seiten. Von der Homepage für Freunde und Bekannte über Info–Seiten von Verbänden und Institutionen bis hin zu Diskussionsforen und Kontaktbörsen: Ausgerechnet im World Wide Web, das angetreten war, Grenzen zu überwinden, werden Tag für Tag neue Barrieren aufgebaut.
Barrierefreies Webdesign hilft aber auch, Kosten zu sparen. ESPN.com, eine US–Web–Präsenz mit mehr als einer Milliarde Seitenaufrufen im Monat, begann 2003, barrierefrei umzugestalten. Die Trennung von Inhalt und Layout durch Style Sheets spart ESPN rund 50 KB pro Seite. Das macht bei 40.000.000 Aufrufen pro Tag 2 Terabyte Übertragungsrate weniger pro Tag. Dazu kommen eine verringerte Serverlast, eine vereinfachte Pflege der Seiten, schnellere Ladezeiten und eine größere Reichweite im Hinblick auf alternative Ausgabegeräte – bei gleich bleibender Optik.
Modernes Design und barrierefreie Gestaltung von Webpräsenzen sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das beweist zum Beispiel das Ende 2001 online gegangene E–Commerce–Modul der Aktion Mensch–Lotterie. Durch den barrierefreien Zugang kann das Kundenpotenzial besser ausgeschöpft werden. Der Erfolg gibt Deutschlands großer Sozialorganisation Recht: Mehr als 280.000 Lose im Gesamtwert von 5,1 Millionen Euro wurden 2002 via Internet bestellt.

