BITV Reloaded – Anforderung 7

Stand: 20.03.2007

Dynamik und Bewegung

»Zeitgesteuerte Änderungen des Inhalts müssen durch die Nutzerin/ den Nutzer kontrollierbar sein.«

  • BIENE
  • WCAG 1
  • WCAG 2.0

Was heißt das?

Das Web ist mehr als eine Sammlung strukturierter statischer Texte. Animationen erreichen manche Nutzergruppen besser und transportieren Inhalte. Web-basierte Anwendungen und dynamische Inhalte eröffnen neue Möglichkeiten, die weit über statische Dokumente hinausgehen, die zur Entstehungszeit der BITV der Stand der Technik waren. Diese dynamischen Elemente müssen sorgfältig eingesetzt werden, um eine zugängliche Website oder Webanwendung zu erstellen.

Mit »Zeitgesteuerte Änderungen des Inhalts« können sowohl automatische Weiterleitungen zu einer anderen Seite als auch flackernde oder blinkende Inhalte gemeint sein. In diese Kategorie fallen auch bewegte und periodisch aktualisierende Inhalte innerhalb einer Seite, sei es per eingebettetem Video, JavaScript oder Flash sowie Live-Ticker z. B. bei Börsenkursen und in der Sportberichterstattung. Die Anforderung bezieht sich auf die Bedürfnisse vieler unterschiedlicher Nutzergruppen.

Ist diese Anforderung noch aktuell?

Kontrovers

Die gesamten Bedingungen der BITV-Anforderung 7 sind im Original, den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG 1.0) sogenannte »Until user agents … «-Guidelines. Das bedeutet, daß die ihnen zu Grunde liegenden Barrieren im historischen Kontext bewertet werden müssen: aus damaliger Sicht waren viele der angesprochenen Probleme unüberwindliche Hürden für Nutzer und die damals gebräuchlichen Browser und assistiven Programme. Aber sind sie es heute noch?

Bestimme problematische Techniken des Webdesigns konnten die damaligen User Agents nicht unterdrücken oder so umwandeln, dass sie keine Hürde mehr darstellten – die Benutzer solcher Browser mussten einfach damit leben.

Anmerkung: Die folgenden Checkpunkte gelten, bis Benutzeragenten (einschließlich assistiver Technologien) sich dieser Probleme annehmen. Diese Checkpunkte sind als "vorläufig" eingestuft, was bedeutet, dass die Arbeitsgruppe für Web-Inhalt-Richtlinien sie als gültig und für die Web-Zugänglichkeit notwendig betrachtet zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Dokuments (Anm.: 5. Mai 1999). Die Arbeitsgruppe erwartet jedoch nicht, dass diese Checkpunkte in der Zukunft nötig sein werden, wenn vorweggenommene Features und Fähigkeiten Teil von Web-Technologien geworden sind.

Daher wurde in den WCAG 1.0 diese Einschränkung eingeführt, dass die Richtlinien so lange zu gelten haben, bis die behandelten Barrieren nicht mehr bestehen. Die Web Accessibility Initiative meinte schon damals:

In den meisten Checkpunkten werden Entwickler von Inhalten aufgefordert, für die Zugänglichkeit ihrer Seiten und Sites zu sorgen. Es gibt jedoch Zugänglichkeitserfordernisse, die besser von Benutzeragenten erfüllt würden (einschließlich assistiver Technologien).

Diese Einschränkungen sind nicht, auch nicht durch die Web Accessibility Initiative selbst, getestet und dokumentiert worden. Bei der Erarbeitung der BITV wurde auf den Halbsatz »Until user agents … « verzichtet. Zum Ersatz wurde in der Begründung zur BITV klargestellt:

7. Zu Nr. 10 der Anlage 1:
Die Sicherstellung der Verwendbarkeit assistiver Technologien und Browser ist insbesondere dann unverhältnismäßig, wenn die assistiven Technologien und Browser älter als drei Jahre sind und der Verbreitungsgrad in der einschlägigen Benutzergruppe unter 5 % liegt.

Das Problem ist für Webentwickler noch nicht gelöst, sondern nur auf eine andere Baustelle verlagert. Wer stellt fest, dass »die assistiven Technologien [sic] und Browser älter als drei Jahre sind und der Verbreitungsgrad in der einschlägigen Benutzergruppe unter 5 % liegt«? Der Gesetzgeber hat dies bisher, 5 Jahre nach Inkrafttreten der Verordnung, nicht getan, obwohl seitdem mehrere Generationen Browser und Screenreader erschienen sind und die BITV eine Möglichkeit zur Aktualisierung vorsieht, sobald »die Verfügbarkeit völlig neuer Web-Technologien und Tools, die das Problem der Barrierefreiheit fundamental berühren« vorliegt.

Auch von der Web Accessibility Initiative des W3C ist kaum Hilfe zu erwarten; man konzentriert sich auf die Version 2.0 der WCAG. Zwar wurde vor geraumer Zeit eine Testreihe unter dem Titel »User Agent Support for Accessibility« begonnen, dieses Dokument liegt aber seit 2003 brach.

Was meint die BIENE?

Im BIENE-Prüfverfahren gibt es eine ganze Reihe von Ausnahmen bei Prüfschritten, die mit dieser Anforderung korrespondieren. So werden Inhalte, in denen Bewegung, Aktualisierungen oder andere Formen von Dynamik grundlegend für das Angebot sind, in Prüfschritt 16.2 ausdrücklich ausgenommen:

16.2 Vermeidung oder Kontrollierbarkeit von periodischen Aktualisierungen
Prüfen Sie, ob periodische Aktualisierungen innerhalb einer Seite vermieden werden oder durch die Nutzerin/ den Nutzer kontrollierbar sind.
Ausnahme:
Prüfungssituationen, Live-Indikatoren oder Fälle, in denen überraschende Elemente grundlegend für die Anwendung sind.

Die Bedingungen zu Anforderung 7 im Detail: